SWR3 Gedanken
Bei einem Konflikt, den ich als Pfarrer einmal klären sollte, hatte ich ein echtes Aha-Erlebnis. Als mir mein Gesprächspartner das erste Mal seine Geschichte erzählt hat, war die Schuldige schnell ausgemacht: Seine Schwester! Sie würde ihm nichts gönnen, ihn nicht unterstützen und jede Hilfe verweigern. Zum Glück konnte ich die Geschichte auch noch aus der Perspektive der Schwester hören. Sie hat mir unter Tränen von der Alkoholsucht ihres Bruders erzählt – und wie viel in der Familie dadurch schon zerbrochen ist. Nach ihrer Schilderung hat sich der Konflikt plötzlich völlig anders dargestellt. In der Geschichtswissenschaft gibt es dazu einen geflügelten Spruch: „Die Sieger schreiben die Geschichte.“ Dahinter steckt die gleiche Erfahrung, die ich in diesem Konflikt gemacht habe, und die wir auch gesellschaftlich tagtäglich machen: Menschen erzählen Geschichten - bewusst oder unbewusst - mit einem eigenen Interesse. Wenn uns das klar ist, können wir einen Teil davon herausfiltern. Schwierig wird es, wenn wir die Interessen, die dahinterliegen, nicht genau kennen.
Ein Zeichen dafür, dass an einer Erzählung etwas nicht ganz stimmt, ist für mich, wenn die Rollenverteilung zu einfach ist und alles anscheinend ganz klar ist. Sätze wie: „Die Medien sind an allem schuld.“ Oder. „Die wirtschaftliche Lage in unserem Land ist schlecht, weil wir zu viel Geld für Sozialleistungen ausgeben.“ Die Wahrheit ist meistens komplexer – manchmal sogar genau das Gegenteil. So einfach, wie bestechend ist daher der alte Rat der Bibel: „Prüft alles und behaltet das Gute“ (1. Thessalonicher 5,21) – nur zum Prüfen braucht es eben auch die Bereitschaft andere Perspektiven zu hören.
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