SWR4 Abendgedanken
„Vorfreude ist die schönste Freude; und: Sie ist typisch deutsch.“ So behauptet es ein Text, den wir im Spanischunterricht gelesen haben. Wir haben ja sogar ein eigenes Wort dafür, das sich offenbar in andere Sprachen kaum übersetzen lässt. Vorfreude. Mir war gar nicht bewusst, dass es so etwas ganz Eigenes ist. Aber tatsächlich: Dieses kleine Wort trägt eine erstaunliche Kraft in sich. Vorfreude ist wie ein Licht, das schon brennt, bevor der Tag anbricht. Sie ist ein Vorgeschmack auf das Gute, das kommen kann – nicht garantiert, aber erhofft.
Ich erlebe oft, wie Menschen aufblühen, wenn sie etwas haben, worauf sie sich freuen können: ein Besuch, ein Fest, ein freier Tag, ein Wiedersehen. Ich finde: Manchmal ist die Vorfreude sogar schöner als das Ereignis selbst. Nicht, weil das Ereignis mich enttäuscht, sondern weil die Vorfreude mich innerlich weitet. Sie lässt mich träumen, hoffen, planen. Sie macht das Herz leicht.
Und vielleicht ist das gerade in Zeiten wichtig, in denen vieles schwer wirkt. Vorfreude ist kein billiger Trost. Sie ist ein stiller Widerstand gegen die Sorge. Ein leises „Trotzdem“. Ein Vertrauen darauf, dass das Leben mehr bereithält als das, was gerade ist.
In der Bibel heißt es: „Freut euch auf Gott; er wird euch geben, was euer Herz begehrt.“ (Psalm 37,4) Das ist keine Garantie für erfüllte Wünsche. Aber es ist eine Einladung, das Herz offen zu halten. Gott schenkt uns, dass wir uns freuen dürfen – auch im Voraus.
Ich denke mir: Vielleicht ist Vorfreude gar nicht nur typisch deutsch. Vielleicht ist sie typisch menschlich, ein kleines Stück Himmel im Alltag.
Ich wünsche Ihnen heute Abend genau das: Einen Gedanken, der Sie in Vorfreude lächeln lässt. Einen Plan, der Ihnen Kraft gibt. Und eine Vorfreude, die Sie durch die Nacht trägt.
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