Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Ich gebe zu, in der Regel mache ich morgens nicht als erstes das Radio an - erst recht nicht jetzt im Sommer. Seit ich Rentner bin und den Tag langsamer angehen kann, gehe ich morgens - wenn das Wetter es zu lässt - erstmal auf die Terrasse. Setze mich in meinen Liegestuhl, schaue in den Garten und höre den Vögeln beim Singen zu. Ich sehe blühende Rosen und höre Meisen und Amseln singen und auch Tauben sind oft schon am Gurren. Die Welt - zumindest meine kleine - ist dann noch in Ordnung und sie ist schön. Erst danach mache ich das Radio an, höre die Nachrichten und wende mich so der großen weiten Welt zu. Die leider in der Regel nicht in Ordnung und schön ist. Da geht es meist um Krieg, Hunger, Wirtschaftskrise und viele andere weniger schöne Themen.
Mich erinnert meine kleine Zeremonie: „Erst Garten und dann Nachrichten“ an Paul Gerhard. Er war Pfarrer, schrieb Kirchenlieder und lebte im 17. Jahrhundert, das heißt was ich nur aus den Nachrichten kenne, das erlebte er tagtäglich. Denn in Deutschland wüteten zu seiner Zeit Krieg und Pest. Trotzdem oder gerade deshalb dichtet er Zeilen wie: „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit“ und „Schau an der schönen Garten Zier, und siehe, wie sie dir und mir sich ausgeschmücket haben.“ Mich lehren die Texte von Paul Gerhard: Bei all dem Leid, den Gräuel und Hässlichkeiten, die es auf der Welt gibt – und Paul Gerhard hat viele davon gesehen und erlebt – gibt es auch Schönes. Und es tut gut, sich daran zu erfreuen. Wohlwissend, dass nach dem Garten die Nachrichten kommen.
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