Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Kennen Sie solche Orte? Man kommt durch die Tür und irgendwas ist anders. Der Alltagslärm wird leiser und die Gedanken sortieren sich neu. So einen „anderen Raum“ zu gestalten, das war die Idee, als meine Gemeinde vor dreizehn Jahren ihr neues Kirchengebäude baute.
Räume für Besinnung und Spiritualität sollte es haben, ebenso Räume für Begegnung. Soweit so normal. Doch was das Haus wirklich zu etwas Besonderem und Andersartigen macht, das sind die Lehmwände. Denn meine Kirche ist aus Lehm gestampft.
Es ist ein ungewöhnlicher Raum: Schicht um Schicht türmen sich die Lehmschichten sieben Meter zwanzig in die Höhe, bis sie auf die Oberlichter des Dachs treffen.
Je nach Tages- und Jahreszeit fällt das Licht anders auf die Wände und lässt sie ganz unterschiedlich wirken. Mal gräulich und schroff. Mal erdig und warm.
Viele Menschen meiner Gemeinde haben an ihrer Kirche mitgebaut. Sie haben Lehm gestampft, geschleppt, geschraubt und geplant.
Die Wände erzählen von den vielen unterschiedlichen Hände, die sie geformt haben. Kein Teil dieser Wand sieht exakt aus wie ein anderer. Die Lehmwand ist individuell und vielfältig.Und trotzdem ist etwas Gemeinsames entstanden. Ein Raum, in dem wir uns Sonntag um Sonntag versammeln, um Gottesdienst zu feiern.
Wenn ich dort sitze, denke ich manchmal, dass diese Wände auch etwas über Gemeinschaft erzählen.
Kein Teil der Lehmwand gleicht exakt dem anderen. Jede Schicht hat ihre eigene Farbe und ihre eigene Struktur. Manche Stellen sind glatt, andere rau. Hier und da sind kleine Steine sichtbar. An anderes Stellen ist etwas Lehm herausgerieselt. Und gerade das macht ihren Reiz aus.
Vielleicht ist es das, was Gemeinschaften wie eine Gemeinde ausmacht. Menschen sind unterschiedlich. Sie bringen verschiedene Begabungen, Erfahrungen und Sichtweisen mit. Nicht alles ist gleichmäßig und perfekt.
Und doch entsteht etwas Gemeinsames. Ein Raum des Glaubens. Ein Ort, an dem Menschen miteinander Gott suchen, beten, feiern und einander tragen.
Die Lehmwand erinnert mich daran, dass Gemeinschaft nicht dort entsteht, wo alle gleich sind. Sondern dort, wo unterschiedliche Menschen sich zusammenfügen lassen – so wie die vielen Schichten unserer Wand.
Viele Menschen haben unser Kirchengebäude gebaut und bilden in ihrer Unterschiedlichkeit eine Gemeinschaft. Und manchmal entsteht gerade aus dem, was verschieden ist, etwas, das trägt.
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