Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Eigentlich war die Woche komplett durchgeplant. Der Kalender war voller Termine und die Liste der Aufgaben war lang. Ich dachte: Volle Woche, aber wird schon irgendwie werden. Und dann kam die Vollbremsung.
Ein Anruf mit einer Nachricht, die mich vollkommen erschüttert hat. Alles, was ich kurz vorher für diese Woche noch im Kopf hatte, schob sich in den Hintergrund. Und schnell wurde mir klar: So professionell ich sein möchte und so sehr ich meinen ursprünglichen Wochenplan weiterverfolgen will – es geht gerade nicht. Ich brauche Zeit.
Es gibt solche Momente. Eigentlich müsste noch so viel erledigt werden. Fristen laufen und Menschen verlassen sich auf mich. Und trotzdem gibt es Ausnahmesituationen, in denen ich nicht mehr einfach das durchziehen kann, was ursprünglich geplant war.
Natürlich kann ich vieles aushalten. Ich kann sonntags auf der Kanzel stehen, obwohl ich eine miese Woche hatte und schlecht geschlafen habe. Ich kann den Sorgen anderer zuhören, obwohl mich eigene Sorgen beschäftigen. Ich weiß, dass ich auch unter Belastung funktioniere. Das ist eine wichtige Fähigkeit. Aber sie hat Grenzen.
Lange Zeit fiel es mir schwer diese Grenze wahrzunehmen und für mich zu sorgen. Wer belastbar ist, zieht eben durch. Wer stark ist, macht weiter. Inzwischen versuche ich das anders zu leben. Ich bin ein Mensch. Und Menschen haben Grenzen. Es tut gut, sie wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Und zwar rechtzeitig. Bevor ich nicht mehr kann.
Der Apostel Paulus ist mir da ein Vorbild. Er hat selbst erlebt, dass seine Kräfte begrenzt sind. Und er hört von Gott einen Satz: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12,9)
Gottes Kraft zeigt sich nicht erst dann, wenn ich alles im Griff habe. Sie zeigt sich oft gerade dort, wo ich merke, dass ich jenseits meiner Grenzen bin. Das therapiert meinen Gedanken, immer stark sein zu müssen und alles alleine schaffen zu müssen.
Ich wünsche mir und allen, die Vollbremsungen erleben den Mut, Grenzen ernst zu nehmen. Und das Vertrauen, dass Gottes Kraft nicht nur dort wirkt, wo ich stark bin. Sondern manchmal gerade da, wo ich es nicht bin.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44627