SWR4 Sonntagsgedanken
Da ist das schicke Kleid, das angeblich fair und umweltschonend produziert worden ist. Und dann stellt sich raus, dass es in Fernost unter miesen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde. Da ist der Fußballtrainer, der seine Mannschaft ganz klar erstklassig sieht, und am Ende der Saison gegen den Abstieg kämpft. Der Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist manchmal ganz schön breit. Ein Vorwurf, der auch den Religionsgemeinschaften immer wieder gemacht wird. Wasser predigen und Wein trinken, heißt es dann. Oder von Liebe und Güte schwadronieren und hinter den Kulissen ganz und gar nicht liebevoll mit Menschen umgehen. Zumindest für meine Kirche kann ich sagen: Ja, kommt leider vor. Die Regel ist das gewiss nicht. Zum Glück! Aber es passiert. In dem Bibeltext, der heute in den katholischen Kirchen gelesen wird, scheint so ein Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit sogar schon in der Bibel auf. Da wird nämlich erzählt, wie Jesus seine Jünger losschickt. Mit klarem Auftrag. Sie sollen Kranke heilen, sollen Menschen die frohe Botschaft bringen, sogar Tote aufwecken. Und im Evangelium, das Lukas aufgeschrieben hat, wird dieser Auftrag sogar noch zugespitzt (Lk 9,1-6). Wenn sie zu den Leuten gehen, so heißt es da, dann sollen sie nichts mitnehmen. Keinen Wanderstab, kein Brot, kein Geld, kein zweites Hemd zum Wechseln. Kurz: Wer den Menschen die frohe Botschaft bringen will, der soll das als mittelloser Wanderprediger tun. Als einer also, der von Ort zu Ort zieht und darauf angewiesen ist, dass die Leute gastfreundlich zu ihm sind. Dass sie ihn verpflegen und in ihre Häuser aufnehmen.
Nun ist ziemlich offensichtlich, dass es anders gekommen ist. Im Lauf der Jahrhunderte ist aus einer Truppe von Wanderpredigern eine weltweite Kirche geworden. Mit großem Verwaltungsapparat. Mit Gebäuden und Grundstücken. Mit vielen Tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die natürlich nicht an Haustüren betteln oder um einen Schlafplatz bitten müssen. Die vielmehr einen festen Wohnsitz haben und, zumindest hier bei uns, auch nach Tarif bezahlt werden. Ein offener Kontrast also zu dem Auftrag, den Jesus seinen Jüngern damals gegeben hatte. Aber ist das wirklich auch ein Beispiel dafür, dass Anspruch und Wirklichkeit nicht mehr zusammenpassen?
Es gibt Menschen, die legen die Bibel wortwörtlich aus. Für die ist zum Beispiel das ganze Universum in sechs Tagen entstanden. Genau so steht‘s ja in der Bibel und die ist schließlich Gottes Wort und deshalb nicht zu hinterfragen. Wer das so sehen will, der muss allerdings mit den Widersprüchen leben, die sich daraus ergeben. Mit Erkenntnissen der Wissenschaft etwa, die zu ganz anderen Schlüssen kommt.
Wenn nun erzählt wird, wie Jesus seine Jünger aussendet - nämlich als mittellose Wanderprediger - dann hatte das allerdings einen tieferen Sinn. Und die Zuhörer damals haben es verstanden. Viele glaubten nämlich, dass das Ende der Zeit bevorsteht. Und wer dann so umherzieht, ungebunden, ohne Besitz, der macht klar: Das Materielle ist sinnlos geworden. Wenn Gottes Herrschaft erstmal da ist, dann braucht man das alles nicht mehr. Konzentriert euch deshalb auf das, was wirklich wichtig ist – für euch und eure Seele.
Im Rückblick wissen wir: Darauf zu hoffen, dass Gottes Reich quasi vor der Tür steht, war ein bisschen zu optimistisch. Auch würde heute kaum noch jemand verstehen, was ein mittelloser Wanderprediger zu bedeuten hat. Deswegen muss man unterscheiden. Zwischen dem, was Jesus wichtig war, was ihm zutiefst am Herzen lag. Und manchen Anweisungen von damals, die heute aber irgendwie nicht mehr in die Zeit passen.
Das Himmelreich ist nahe. Das wollte Jesus den Menschen unbedingt nahebringen. Dafür hat er gebrannt. Nur, wie lässt sich heute noch erzählen vom Himmelreich? Schließlich sollen seine Jüngerinnen und Jünger die Botschaft ja weitertragen. Bis heute. Vielleicht geht es am besten ganz praktisch. Etwa, wenn Menschen Zeit und Mühen auf sich nehmen und sich freiwillig für andere engagieren. Wenn Traurige getröstet werden. Wenn Menschen, die völlig verzweifelt sind, wieder hoffen können. Wenn Leute sich dafür stark machen, dass die Schöpfung nicht ruiniert wird. Wenn Hass und Hetzerei ins Leere laufen und nicht mehr verfangen. Manchmal lässt sich dann ahnen, dass es wirklich existiert und da ist. Ein kleines Stückchen Himmel auf Erden.
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