Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Stell dir vor: Neben dir sitzt Gott.“ Ich sitze in einem Seminar für kreatives Schreiben und bekomme als allererstes diese Aufgabe: Schau nach rechts, schau den Menschen neben dir ganz genau an und beschreib ihn – so, als ob es Gott wäre. Eine sehr ungewohnte Übung!
Ich muss an die Zehn Gebote denken. Da heißt es: „Du sollst dir kein Bild machen von Gott.“ Dieses Gebot hat seinen Sinn. Es soll verhindern, dass wir Menschen uns ein Bild von Gott machen und fest davon überzeugt sind, dass Gott genau so ist und nicht anders. Denn mit Gott ist es ja so: Keines unserer Bilder wird Gott gerecht. Gott ist immer anders. Größer und vielfältiger, als wir uns das ausmalen können.
Gleichzeitig brauchen wir Bilder und Ideen davon, wie Gott ist. Bilder, so konkret wie unser Leben.
Ich fange an zu schreiben – und alle Menschen um mich herum im Seminar auch:
Eine schreibt: „Neben mir sitzt Gott und hat viele feine Lachfalten um die Augen. Habe ich es mir doch gedacht – Gott hat Humor.“
Ein anderer: „Neben mir sitzt Gott. Sie ist weiblich. Hab‘ ich’s doch gewusst!“
Es ist ungewohnt und merkwürdig die Person neben mir auf diese Weise anzuschauen und Gott in ihr zu sehen.
Dabei erzählt schon die Bibel, dass Gott uns Menschen ähnlich sein will. Bei der Erschaffung der Welt sagt Gott: »Lasst uns Menschen machen – unser Ebenbild, uns gleich sollen sie sein!«“ (1. Buch Mose 1,26) Als Ebenbilder hat Gott uns Menschen gedacht. Als Lebewesen, die ihm gleich sind. Das heißt dann vielleicht auch: Wir sind Gottes Ebenbilder mit unseren Lesebrillen und Lachfalten. Mit unserem müden Blick und unserer Arbeitskleidung. Oder anders gesagt: Gott ist uns gleich. Nicht nur einer oder einem von uns – sondern uns allen. In all unseren Unterschieden und in all unserer Vielfalt ist uns Gott gleich.
„Stell dir vor, neben dir sitzt Gott!“ Ich will mir das jetzt öfter vorstellen. Mich umschauen und Gott neben mir entdecken. Das verändert mich. Denn ich blicke neugieriger, wohlwollender und interessierter auf den Menschen neben mir. Ich glaube, genau das gefällt auch Gott.
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