SWR4 Abendgedanken

19JUN2026
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Winfried Kretschmann hat etwas über die Kirche gesagt, das mich überrascht hat. Ich war mit dabei, auf einer Tagung, bei der es um die Zukunft der Kirchen gegangen ist. Eine Aussage ist mir gleich hängengeblieben, weil die Perspektive des ehemaligen Ministerpräsidenten ungewöhnlich ist: Er sagt: „Die Kirchen sind diejenigen Gemeinschaften, die sich am allerwenigsten Sorgen um die Zukunft machen müssten. Auferstehung, Wiederkunft, Himmelreich – wenn das keine Verheißung für die Zukunft ist."
Im Grunde genommen hat Kretschmann natürlich recht. Keine andere Institution hat so eine radikale Botschaft für die Zukunft. Und gleichzeitig sieht die Gegenwart ja gerade ganz anders aus. Jedes Jahr verlassen Hundertausende die Kirche und das wird voraussichtlich so weitergehen. Ich frage mich deshalb eher: Braucht eine immer säkularer werdende Gesellschaft den Glauben und kirchliche Gemeinschaft vielleicht gar nicht mehr?
„Oh doch“, meint Winfried Kretschmann. Er ist ja selbst aktiver Katholik – und er weiß, wovon er redet. Denn er ist vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten – und dann wieder eingetreten. Winfried Kretschmann findet deshalb noch lange nicht alles gut in der Kirche. Zum Beispiel, dass die katholische Kirche Frauen von Ämtern ausschließt. Und er prophezeit, dass sie das nicht durchhalten wird. Das denke ich auch und kann mich da gut anschließen. Auch bei dem Punkt, wenn er sagt: „Ich wünsche mir eine Kirche, die streitet.“ Damit meint er, dass Christinnen und Christen immer wieder neu und wirklich ernsthaft durchdenken sollen: Was ist jetzt eigentlich gerade wichtig? Wo läuft was schief, bei der Kirche selbst aber auch in der Gesellschaft? Wo muss die Kirche sich einsetzen und für wen?
Winfried Kretschmann hält die Kirchen für relevant. Das so klar aus dem Mund eines Politikers zu hören, finde ich bemerkenswert. Und das stärkt den zehntausenden Menschen im Land den Rücken, die sich engagieren. Zurecht. Er begründet auch weshalb: „Die Kirche begleitet dich dein Leben lang. Da wirst du getauft bis zur Beerdigung. Und ihm geht es da keinesfalls nur um kirchliche Rituale: Er formuliert es so: „Die kommen auch dann, wenn andere einen Bogen um dich machen, wenn du krank bist, wenn du behindert bist, wenn du irgendwie aus dem Rahmen fällst, wenn du arm bist. Das ist eine unglaubliche Ressource.“
Am Ende der Tagung appelliert Kretschmann an jede Christin, an jeden Christ, sich wichtig zu nehmen. Nicht persönlich, aber eben als Christ. „Das braucht die Gesellschaft“, sagt er. Solche Worte machen mir Mut. Und ich hoffe, dass Winfried Kretschmann recht behält: Dass Kirche und Glauben eine Zukunft haben. Es wäre wichtig. Für alle.

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