SWR4 Abendgedanken

18JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Einmal im Jahr wird mein Lieblingscafé zu einer Kirche. Denn dann feiern wir dort Gottesdienst. Zwischen Café-Tischen und Tresen, Goldrand-Geschirr und Blumen, die in alte Saucieren gesteckt sind. Mit „wir“ meine ich eine Gruppe Frauen aus der Kirchengemeinde, die alles vorbereiten und dazu noch 30, 40 Leute. Manche von ihnen kennen wir gut, andere kommen sonst eher nicht sonntags in die Kirche.

Ich mag diesen Café-Gottesdienst. Weil ich gerade da, an solchen ganz normalen Alltagsorten, etwas von Gott ahnen kann. Ich finde, wir kommen dort dem nahe, wozu Jesus einst seine Jünger eingeladen – mehr noch – aufgefordert hat: „Setzt Euch zusammen, und teilt. Essen und Trinken und Gemeinschaft; vor allem aber ein Stück von Eurem Leben. Wo ihr das tut, da bin ich dabei.“

Bei unserem Café-Gottesdienst passiert genau das: Wir sitzen zusammen an Tischen, mit Freunden und mit Fremden. Wir singen und beten, eine Band macht richtig gute Musik, wir hören biblische Impulse. Anschließend gibt’s Pizza für alle.

Beim letzten Gottesdienst haben wir ein großes Plakat in die Mitte auf jeden Tisch gelegt. Darauf stand die Frage: Was macht Dich lebendig, was erfüllt Dich? Die Plakate waren am Ende vollgeschrieben – mit den unterschiedlichsten Antworten. Zum Beispiel: „Lebendig macht mich der Espresso nach einem Power-Nap, das Schnurren meiner Katze, wenn ich im Regen spaziere. Oder: Mich erfüllt, wenn ich bei einem guten Gespräch mich selbst spüre. Ich fühle mich lebendig, wenn ich im Meer schwimme. Oder wenn ich Glockenklang höre. Wenn ich so sein kann, wie ich bin.“

An den einzelnen Tischen haben wir über unsere Gedanken gesprochen. Und wir haben Dinge voneinander erfahren, die überraschend tief gehen. Was beschäftigt meine Tischnachbarn, welche Sehnsucht bewegt sie? Etwas von sich preiszugeben, braucht manchmal ein bisschen Mut; aber wenn wir miteinander so ehrlich sind, dann schafft das Verbindung. Und stärkt und tut einfach gut.

Nach dem Segen ist unser Gottesdienst-Abend im Café noch nicht zu Ende, wer mag, der bleibt. Dann packen wir zur Pizza die Liederbücher aus und singen mit der Band Schlager und Rockmusik, bis wir müde werden. Für mich ist dieser Teil mindestens genauso schön wie der eigentliche Gottesdienst.

Da fühle ich mich lebendig: weil ich Gott im Café ahnen kann, mitten in dieser besonderen Atmosphäre, mitten unter Leuten, die sich freuen, dass wir zusammen sind. So stell ich mir Kirche vor. So einfach. Am Café-Tisch, zwischen Pizza, Segen und Adriano Celentano. Ich glaube, Gott hat da Platz, wo wir ihm einen freihalten.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44597
weiterlesen...