SWR4 Abendgedanken
Zu meiner Schulzeit war der 17. Juni ein Feiertag. Da hatten wir frei. Und anders als so manche Freundin wusste ich weshalb. Weil dieser Gedenktag in unserer Familie immer Thema war. Meine Mutter weiß noch gut, was in diesen Tagen um den 17. Juni 1953 passiert ist, und sie hat uns immer wieder erzählt: „Wir sind gerade noch rechtzeitig rausgekommen.“
Vor über 70 Jahren hat etwa eine Million Menschen in der damaligen DDR für ihre Freiheit und gegen das SED-Regime protestiert. Erfolglos. Die sowjetische Armee hat eingegriffen und den Volksaufstand brutal niedergeschlagen. Etliche sind damals getötet worden, über 10.000 Menschen festgenommen.
Am Tag des Aufstands ist meine Mutter zehn Jahre alt. Sie lebt seit wenigen Wochen mit ihren beiden Geschwistern und ihrer Mutter in einem sogenannten Durchgangslager in West-Berlin. Meine Oma hat es mit ihren drei Kindern geschafft, kurz vor dem 17. Juni in die amerikanische Zone zu fliehen. Sie haben alles zurückgelassen in ihrem Dorf in der Odermark und sind nur mit dem geflohen, was sie am Körper getragen haben: Kleidung in drei Schichten, Pässe und ein wenig Geld, versteckt in Strümpfen und Unterwäsche. Kein Koffer, keine Tasche, nichts. Damit niemand Verdacht schöpft. Denn „Republikflucht“, wie man das damals nannte, wurde mit Gefängnis bestraft. Gut ein Jahr später hat die Familie dann im Schwäbischen eine neue Heimat gefunden.
Meine Oma habe ich leider nie richtig kennengelernt, ich war noch sehr klein, als sie gestorben ist. Aber trotzdem bin ich mir sicher: Wenn ich sie heute nach dem Grund für die Flucht fragen könnte, hätte sie gesagt: „Ich wollte eine bessere Zukunft für meine Kinder; und in einem Land leben, in dem wir als Christen nicht beobachtet und verhört werden, weil wir Gottesdienst feiern.“ Und dann hätte sie vermutlich weiter erklärt: „Wir möchten uns frei bewegen und reden dürfen. Meine Kinder sollen in eine Schule gehen, in der sie freiheitlich und demokratisch erzogen werden.“
Meine Mutter ist jetzt über 80, und erzählt noch heute von dieser Flucht und von den ersten Jahren in der neuen Heimat. Auch davon, dass ein Mädchen in der Schule gesagt hat: „Neben so einer vom Lager will ich nicht sitzen“ und sie weggeschubst hat. Und dass sie später die einzige aus der Klasse war, die nicht beim Klassenausflug dabei war. Dafür war kein Geld da. Das alles hat sie nie vergessen.
Gerade deshalb: Ich bin meiner Oma sehr dankbar. Für ihren Mut. Dafür, dass sie ihre Kinder genommen hat und gegangen ist. Dass ich deshalb hier aufwachsen durfte – in Freiheit, in Demokratie, und ohne Angst. Das war damals keine Selbstverständlichkeit, und das ist es auch heute nicht.
