SWR4 Abendgedanken

16JUN2026
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Daniel redet nicht. Er schweigt – freiwillig, seit fast genau einem Jahr. Und das hat einen Grund: Daniel Beerstecher ist Künstler aus Stuttgart und er möchte mit diesem Projekt auf zwei Dinge aufmerksam machen: Zum einen: Auf die Kraft der Stille in einer lauten Welt. Und: wie wichtig es ist zuzuhören. Gerade heute, wo Menschen einander manchmal lieber beschimpfen, anstatt miteinander zu reden.

Daniel findet: „Zuhören – echtes, aufmerksames Zuhören – ist eines der größten Geschenke, die wir einander machen können.“

Ich habe Daniel einen Tag lang auf seiner Tour durch Deutschland begleitet. Denn er schweigt nicht zuhause, sondern ist unterwegs. Fast am Ende seines Schweigejahres angekommen hat er mittlerweile mehr als 3000 Kilometer in den Beinen – Manchmal übernachtet er draußen im Zelt, manchmal in Klöstern, manchmal bei Freunden oder Bekannten. Und manchmal sitzt er in Städten auf Plätzen und hat ein Schild neben sich platziert auf dem steht: „Ich höre zu.“ Und jeder der mag, kann sich zu ihm setzen und erzählen.
Mit Daniel unterwegs zu sein, ist eine eindrückliche Erfahrung: Wir laufen fast 20 Kilometer zusammen im Schwarzwald; auch ich schweige die meiste Zeit. Das fällt mir anfangs echt schwer, weil ich gewohnt bin, sofort Dinge zu kommentieren, die ich wahrnehme. Immer mal wieder machen wir kurz Pause und Daniel reicht mir seinen Wanderstock – der wird dann zum „Redestab“. Ich darf also reden, wenn ich mag. Das tue ich. Und erzähle, was mir grad durch den Kopf geht, oder von Fragen, die mich schon länger beschäftigen. Manchmal stellt Daniel mir auf seiner Schreibtafel Rückfragen oder schreibt kurze Kommentare. Zum Beispiel: „Sehnst Du Dich manchmal nach Stille im Kopf?“ und weiter: „Vielleicht musst Du erst die Stille finden, um Antworten zu erhalten.“
Was ich in diesen Stunden mit Daniel lerne: zwei Menschen müssen nicht ständig miteinander reden, um sich auszutauschen. Wir beide kommunizieren trotzdem intensiv miteinander. Daniels schriftliche Reaktionen sind sehr präzise. Wohl deshalb, weil er sehr genau zuhört und wahrnimmt, wie es mir geht. Worüber ich mir Gedanken mache. Und das spüre ich, weil er ganz da ist, total aufmerksam, mir in die Augen schaut.

Am Ende des Tages hab ich nicht nur einiges erzählt – sondern auch den Klang von Vogelgezwitscher im Kopf, den Duft etlicher Blumen in der Nase und den Geschmack so einiger Wildkräuter auf der Zunge. Ohne Worte hat Daniel mich unterwegs dazu angeleitet, immer mal wieder innezuhalten. Wach zu sein für das, was mir grad auf dem Weg begegnet und nicht in meinen eigenen Gedanken hängen zu bleiben.
Als ich am Abend aus dem Schwarzwald zurückfahre, bleibt das Autoradio dieses Mal aus. Die Stille in meinem Kopf, die tut mir richtig gut.

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