SWR4 Abendgedanken

15JUN2026
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1974 – da haben wir unseren ersten Fernseher gekauft! Einen kleinen, tragbaren Kasten. Mein Vater erzählt das immer mal wieder. Und es gibt natürlich einen Grund, weshalb er sich so genau an das Jahr erinnert: 1974 war Fußball-WM in Deutschland. Und das war für ihn der Anlass, einen Fernseher zu kaufen. „Wir wollten das miterleben“, erzählt er, „das war damals ein Riesenereignis“.
Ob die WM 2026 auch ein Riesenereignis wird? Die Welt ist natürlich eine ganz andere als 1974 Deutschland Weltmeister geworden ist. Sport und Politik sind heute nicht mehr voneinander zu trennen, so wünschenswert das vielleicht wäre, weil es manches einfacher machen würde. Aber schon die Beziehung zwischen den drei Gastgeberländern macht das unmöglich:  USA, Mexiko, Kanada – da liegt gerade ziemlich viel Spannung drin: Die USA drohen Mexiko mit militärischen Angriffen gegen die Drogenkartelle und bauen weiter an der Mauer zum Nachbarland. Kanada wird mit Zöllen belegt und behandelt, als wäre das Land ein Feind und kein Nachbar. Drei Länder, ein Fest – so war es mal gedacht. Dahinter steht ein großes Fragezeichen.
Ich werde trotzdem viel und gern Fußball schauen in diesen Wochen. Weil Fußball für mich mit einem positiven Lebensgefühl verbunden ist – weil ich das selbst viele Jahre genau so erlebt habe. Ich war lange als Fußball-Mama mit meiner kickenden Tochter auf Plätzen im ganzen Land unterwegs. Jede Menge Samstage, jede Menge Kilometer, jede Menge Schlammschlachten und Berge von verschwitzten Trikots für die Waschmaschine. Und immer war’s gleichzeitig toll: Ich hab so viele Leute kennengelernt, wir haben angefeuert, uns gemeinsam geärgert, wenn’s nicht gut gelaufen ist. Und in der Halbzeit bei ner Roten Wurst oder nem Kaffee philosophiert und mit fußballerischem Halbwissen Aufstellung und Taktik analysiert. Bei Wind und Wetter. Und gleichzeitig kann ich mich nicht erinnern, dass es wichtig gewesen wäre, welchen Job diese oder jene Eltern hatten, wie man sich politisch positioniert oder ob irgend jemand was mit Gott anfangen konnte. Der Sport hat uns verbunden. Und sonst erst mal nichts.
Ich wünsche mir, dass die Menschen in den USA durch die WM wieder näher zusammenrücken. Dass sie feiern, mit Freunden und Fremden, und vielleicht Kraft schöpfen, gegen Trumps menschenverachtende Politik gemeinsam aufzustehen. Dass weiterwirkt, was im Stadion passiert: Menschen sind trotz aller sportlicher Rivalität friedlich zusammen unterwegs. Egal woher sie kommen, wie sie aussehen und was sie sonst so denken.

Mein Vater hat das erste das Deutschland-Spiel gestern zuhause vor dem Fernseher angeschaut, wie damals 1974. Ich hab mich dazugesetzt. Und es ging einfach nur um Fußball, sonst nichts.

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