SWR Kultur Wort zum Tag
Ich schließe kurz die Augen, und als ich sie wieder öffne, sehe ich noch klarer, was mich vorher schon fasziniert hat: Licht, das sich wie in Wellen in den riesigen Raum ergießt. Licht, gefiltert von den hohen, gotischen Fenstern, durch das es hineinfällt. Mal etwas matter, mal heller aufleuchtend, aber immer von eigener Intensität. Licht, das mich ganz umfängt, als wäre ich schon im Himmel.
Ich bin aber in Brüssel, in der St. Michaels-Kathedrale. Auf der Suche nach Trost in schwierigen Zeiten. Ich weiß: Diese Symphonie aus Licht und Form tut meiner Seele gut. – Da fällt mein Blick auf einen Seitenaltar. Das realistisch gemalte Bild des gekreuzigten Jesus fesselt mich. Jesus hält den Kopf aufrecht, seine Augen sind offen. Er sieht mich direkt an, als wolle er tatsächlich ein Gespräch mit mir beginnen. „Schön, dass Du da bist“, scheint sein Blick zu sagen. „Schau genau hin. Hier bin ich, umgeben von aller Dunkelheit. Ich weiß, dass sich Dein Leben auch manchmal so anfühlt: ganz dunkel. Aber schau mal: Deine Nacht ist bei mir gut aufgehoben.
Und jetzt guck, wie groß ich bin und die Nacht um mich herum. Genau lebensgroß. Das heißt: Ich nehme Deine Dunkelheiten ernst. Ich mache sie nicht kleiner, als sie sind. Aber wir sollten sie auch nicht vergrößern: Sie sind nicht überlebensgroß.
Jetzt tritt mal einen Schritt zurück. Du siehst mich und alle Dunkelheit. Aber über mir: Da ist eine leere Wand. Du kannst alle deine Fragen draufwerfen: Wie finde ich aus der Dunkelheit heraus? Kommt da noch was? – Und wenn Du alle Fragen gestellt hast, dann schaue noch weiter nach oben: Das himmlische Licht fällt herein, von ganz oben. Von dort aus wird unsere Dunkelheit erhellt. Rote und gelbe Lichtflecken überall.
Wenn Du jetzt aus der Kathedrale hinausgehst in Dein Leben, dann nimm das ganze Bild mit. Mich, Jesus, mit der Dunkelheit. Über mir die leere Wand, offen für alle Fragen. Und dann darüber, viel größer als ich und die Wand: die Fenster, durch die das himmlische Licht hineinfällt.
Siehst Du, wie das Licht flimmert? Fast, als wäre es lebendig. Als könnte es fliegen. Wie der Heilige Geist. Er wird Dich begleiten, wohin auch immer Dich Deine nächsten Schritte führen.
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