SWR Kultur Wort zum Tag

09JUN2026
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Regelmäßig besuche ich eine alte Dame aus unserer Gemeinde. Sie ist seit Jahren krank, kann kaum mehr aus dem Haus gehen und freut sich umso mehr, wenn ich vorbeikomme. Was mich besonders rührt: Oft hat sie schon etwas für mich herausgelegt, über das sie mit mir reden will: einen Spruch von ihrem Abreißkalender. Einen Artikel aus der Ludwigsburger Kreiszeitung. Oder ein Bild aus ihrer großen Sammlung von Kunstbüchern.

Das letzte Mal hatte sie ein kleines Bild herausgesucht, auf dem Jesus am Kreuz ist. Unter seinen Rippen auf beiden Seiten Wunden, aus denen Blut herausfließt. Weiter unten steht eine Art Taufschale; die fängt das Blut auf. In der Schale wird es zu Wasser. Ein drastisches Bild. Ich überlege kurz, wie es wohl auf meine Konfis wirken würde. Wie könnte ich vermitteln, was das Bild zeigen will: Die Wunden von Jesus bringen Heil. Sein Leid, seine Schmerzen bewirken Gutes … 

Ganz vorsichtig stelle ich der alten Dame eine Frage: „Dieses Bild macht ja schon eine starke Aussage: Aus den Wunden Jesu kommt Heil, neues Leben. Sie kennen sich doch aus mit langer Krankheit – kommt aus Ihren Wunden wirklich auch neues Leben? Nicht nur Schmerz und Frust?“

„Natürlich ist es oft ganz schrecklich, so lange krank zu sein“, sagt sie. „Oft genug habe ich dunkle Tage, an denen ich überhaupt keinen Sinn im Kranksein entdecke. – Aber wenn ich meine Krankheit so offen zeige wie Jesus seine Wunden hier auf dem Bild, dann verändert sich mein Verhältnis zu anderen Menschen. Denn viele wissen ja oft nicht so richtig, was sie sagen sollen, wenn sie hören, dass ich so krank bin. Viele Freundinnen sind sprachlos. Und in meiner Familie konnten wir früher auch kaum übers Kranksein reden. 

Da habe ich eben selbst damit angefangen, sehr offen über meine Krankheit zu sprechen. Ich habe gemerkt: Den Menschen um mich herum tut das gut. Sie verlieren ihre Scheu. Uuch für mich selbst ist es so etwas wie eine Befreiung gewesen. So lerne ich ganz langsam, über die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu sprechen. Das heilt manches in den Beziehungen, die ich habe. Auch ich selbst fühle mich freier. Und näher an mir selbst dran.

In diesen Hinsichten kann ich sagen, ganz mit meinem schönen Bild hier: Manchmal kommt auch aus unseren Wunden tatsächlich Heil.“

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