SWR Kultur Wort zum Tag
Manchmal steige ich am Kölner Hauptbahnhof um. Dann gehe ich in den Kölner Dom. Der steht nämlich gleich nebenan. Im Bahnhof selbst und auf dem kurzen Weg zum Dom wimmelt es nur so von Menschen. Aber wenn ich dann in den Dom eintrete, umgibt mich eine ganz andere Atmosphäre. Die Geräusche, das Licht: Alles wie gedämpft. Das macht etwas mit mir. Es ist, als ob ich in einem Raum bin, in dem ich mir selbst gut begegne.
Dabei hilft mir ein großes Bild, das etwas versteckt im linken Seitenflügel hängt. Es zeigt Gott den Vater, ganz traditionell als einen alten weißen Mann mit sehr eindrucksvollem weißem Rauschebart. Er sitzt auf einem großen Thron – im Himmel scheint es diese Art von Stühlen zu geben. Was mich aber vor allem fasziniert: Gottvater hat Jesus direkt vor sich, fast scheint er bei ihm auf dem Schoß zu sitzen. Es ist der gekreuzigte Jesus, voller Schmerzen. Dieser gekreuzigte Jesus ist ganz nah bei Gottvater im Himmel.
Ich erinnere mich, wie ich mich gefühlt habe, als ich vor einer Weile länger krank gewesen bin. Verlassen habe ich mich da gefühlt. Nicht nur von meinen Kräften, die mir sonst so selbstverständlich zur Verfügung stehen. Sondern auch von Gott. Ich war bisher immer nach ein paar Tagen wieder fit gewesen; warum diesmal nicht? Die Tage fühlten sich an wie vergeudet.
Und dann diese Schmerzen. In Wellen kamen sie immer wieder Und, ja, ich habe mich oft auch schuldig gefühlt. So viele Menschen mussten sich um mich kümmern. Nicht nur einkaufen und kochen. Auch bei der Körperpflege mussten sie helfen. Ich mag das garnicht. Und es ist mir peinlich, fast schäme ich mich vor dem, der mich pflegt.
Ich bin jetzt zwar wieder fit. Aber all diese dunklen Gefühle sind mir wieder sehr präsent, als ich jetzt vor diesem Bild im Dom stehe: Das Gefühl der Gottverlassenheit. Die Schuld und die Scham. – Doch dann kommt auch etwas Tröstliches dazu: Ich sehe, dass all diese Gefühle ihren Ort haben. Direkt bei Gott. So, wie Gottvater sich den gekreuzigten Jesus zu Herzen nimmt, so nimmt er sich auch meine Dunkelheiten zu Herzen. Alles drückt Gott sich direkt an sein Herz. So, wie er Jesus an sein Herz drückt. An Gottes Herz findet alles Dunkle seinen Ort und damit seine Ruhe.
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