SWR Kultur Wort zum Tag

12JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Meine Großnichte Nila hat ihren Schatten entdeckt. Ich war nicht dabei, aber in unserer Online-Familiengruppe schaue ich mir das Video immer wieder an: Ein heller Sommermorgen. Die Sonne scheint, und Nila stapft mit ihrer Mutter über einen stillen Parkplatz. 14 Monate ist sie alt, und schräg vor ihr her läuft ihr Schatten. Es dauert eine Weile, ehe Nila ihn sieht. Sie bleibt stehen. Er rührt sich nicht. Lange betrachtet sie die dunkle Gestalt auf dem Boden, streckt schließlich die Hand nach ihm aus - und fasst ins Leere.

„Ja“, sagt ihre Mutter lächelnd. „Das ist dein Schatten.“ Nila geht in die Hocke, schaut sich das Ganze näher an und greift nochmal ins Schwarze. Da stimmt was nicht. Das ist unheimlich. Unruhig schaut sie zur Mutter. „Alles gut, Nila, das ist doch nur dein Schatten.“ Nila macht schnellere Schritte – die dunkle Gestalt auch. Sie lässt sich auf den Boden plumpsen, und groß und dunkel sitzt ihr Schatten vor ihr. Erschrocken schaut sie zur Mutter. Der Film endet. Denn Nila braucht ihre Mutter jetzt ganz bei sich.

Den eigenen Schatten wahrnehmen. Wie groß und dunkel er ist, und erkennen, dass die anderen meine Schattenseiten womöglich auch deutlich gesehen haben – darüber bin ich auch schon ordentlich erschrocken. Was, diese dunkle Seite gehört zu mir, diese negative Eigenschaft? So feige bin ich, so hart, so laut? Das soll niemand sehen. Da will ich selbst nicht hinschauen. So will ich doch gar nicht sein.

Wegschauen oder den Schatten verleugnen hilft aber nicht. Was wahr ist, was da ist, verschwindet nicht, wenn ich nicht hinschaue. Eher wird es für alle noch offensichtlicher. Nila hat es schon ganz richtig gemacht: sie hat sich mit ihrem Schatten beschäftigt. Ihre Mutter hat ihr dabei geholfen. Und da hat diese dunkle Gestalt ihren Schrecken verloren.

„Liebt eure Feinde!“, sagt Jesus in der Bergpredigt. (Mt 5,44) Meistens denke ich bei Feinden an andere Menschen, die ich nicht leiden kann – Leute mit unfreundlichem Benehmen, unmöglichen Einstellungen. Aber da gibt es auch Eigenschaften in mir, die ich zu meinen inneren Feinden erklärt habe, eigene ungeliebte Seiten …

Was, wenn ich das unangenehm Dunkle in mir nicht länger feindlich, sondern liebevoll anschaue? Wenn ich vor meinem Schatten nicht davonrenne, sehe ich ihn besser: Aha, da bist du. So siehst du also aus. Gar nicht so groß…

Wenn ich meine Schattenseiten nicht bekämpfe und abwehre, können sie sich zeigen – und werden friedlicher, habe ich den Eindruck. Das macht mich entspannter. Ich finde sie immer noch nicht toll, diese Eigenschaften von mir. Aber sie haben ihren Schrecken verloren. Manchmal kann ich sogar über sie lachen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44574
weiterlesen...