SWR Kultur Wort zum Tag

11JUN2026
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Unsere Tochter war noch richtig klein, dreieinhalb vielleicht, und hat sehr unerschrocken die Welt erobert: sie ist losgerannt und irgendwo raufgeklettert, sie ist Bällen entgegengesprungen und ins Wasser gehüpft.

Auf einem Spaziergang war sie mal wieder vorausgelaufen und dabei, eine Mauer hochzuklettern. Ich hab ihr zugerufen: „Warte auf mich! Runterkommen ist schwerer als rauf - ich mache mir Sorgen, wenn Du allein so hoch kletterst!“  Tatsächlich hat sie auf mich gewartet. Als ich bei ihr war, ist sie die Mauer hochgeklettert und von oben in meine Arme gesprungen. Und dann – ich werde es nie vergessen – hat sie mich gefragt: „Mama, was sind Sorgen?“.

Ich weiß heute nicht mehr, was ich damals geantwortet habe. Aber noch heute spüre ich das Glücksgefühl, das mich bei dieser Frage überschwemmt hat. Keine Sorgen kennen. Loslaufen und vertrauen, dass es gutgeht. Kindliches Zutrauen haben in das, was in mir steckt – und in die Welt, die mich umgibt. Was für ein großes Glück, wenn ein Kind mit diesem Lebensgefühl aufwächst. Wenn es noch keine Ahnung hat, was Sorgen sind. Was war ich froh, dass meine Tochter offenbar keinen Zustand kannte, zu dem dieses Wort gepasst hätte. Fest habe ich sie damals an mich gedrückt.

Als Erwachsene haben wir diesen unbeschwerten Zustand längst hinter uns gelassen.

Erwachsene haben Sorgen. Und Erwachsene machen sich Sorgen - beides. Und ganz viele Kinder und Jugendlichen übrigens auch. Und ja: Sorge tragen, damit eine Sache gut geht, das gehört zum Erwachsenwerden. Es gibt schon Sorgen, um dich ich mich kümmern muss – und auch kann. Das fühlt sich dann gut an. Anders ist es mit großen Sorgen, die sich wie eine unüberwindliche Mauer vor mir aufbauen.

„Macht euch keine Sorgen!“, sagt Jesus in der Bergpredigt. Immer wieder stolpere ich über diesen kurzen Satz. Aber dann gehe ich in ein Zwiegespräch mit dem Mann, der ihn gesagt hat: Dir nehme ich das ab, Jesus. Bei allem, was ich von Dir weiß: Du warst nie naiv, unterwegs in einem militärisch besetzten Land ohne festen Wohnsitz und oft hungrig. Deine Zeit war nicht einfacher oder friedlicher als meine. Und du hast vertraut, dass Gott, dein „himmlischer Vater“, es gut meint mit dir und der Welt. Dir nehme ich dein kindliches Vertrauen ab. In einen, der immer da ist, wenn‘s drauf ankommt. Du hast Dich verlassen auf diese unerschütterliche unsichtbare himmlische Instanz. „Macht euch keine Sorgen“ – du weißt, was das heißt. Dir glaube ich das. Und auf hohe Sorgenmauern - klettere ich nur mit deiner Hilfe. Ich glaube: du fängst mich auf.

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