Begegnungen

Anne Waßmann-Böhm trifft Jessica Grünenwald
Über den engen Gassen von Ober-Ingelheim liegt die Burgkirche. Alte Wehrmauern, ein Rosengarten – der perfekte Ort für eine romantische Hochzeit. Im Sommer finden auch viele statt – die meisten werden lange im Voraus geplant. Doch am 26. Juni läuft es anders. Dann heißt es „Einfach heiraten“. „Einfach heiraten“ ist eine Aktion der evangelischen Kirche, die in diesem Jahr wieder an mehr als 350 Orten in Deutschland stattfindet. In Ober-Ingelheim organisiert Pfarrerin Jessica Grünenwald die Aktion.
„Ich habe im letzten Jahr… von Paaren gehört, die an der Aktion teilgenommen haben. Und die waren so begeistert, so beglückt aus der Trauung hinausgekommen, dass mich das so fasziniert hat, dass ich gesagt habe, das berührt mich selbst beim Zuhören. Und diese Erfahrung möchte ich den Menschen (hier vor Ort in Ingelheim) auch ermöglichen und schenken.“
Wer an diesem Tag kommen möchte, kann sich vorher bei der Kirchengemeinde anmelden, muss aber nicht. Und wie kann ich mir das vorstellen, wenn ich wirklich einfach vorbeikomme?
„Jedes Paar wird im schönen Rosengarten in Empfang genommen und begrüßt. Es bekommt einen Paten oder eine Patin zur Seite gestellt. Gemeinsam gehen sie durch den Rosengarten. Dort dürfen sie sich Musik aussuchen, einen Trauspruch für ihr Leben oder etwas, das zu ihnen als Paar passt. Und dann gibt es ein Traugespräch oder ein Segensgespräch.“
Ein Gespräch mit einer Pfarrerin oder einem Pfarrer in offener Atmosphäre. Darüber, was dem Paar im gemeinsamen Leben wichtig ist. Bevor die beiden dann getraut oder gesegnet werden. Alles also ohne lange Vorbereitung oder die hohen Kosten, die ein klassisches Fest mit sich bringen kann. Ein Fest soll es trotzdem sein. Aber die Vorarbeit, die machen andere.
„Wir sind ein großes Team, das besteht aus Hauptamtlichen und vielen Ehrenamtlichen. Und wir sind seit Wochen am Überlegen, damit es ein schönes Fest für die Paare werden kann. Mit Segen, Sekt und mit einer kleinen Überraschung.“
Ein Fest für alle Paare gemeinsam. Aber trotzdem keine „Reihenabfertigung“ oder ein „Event“, das man nebenbei mitnehmen kann. Jedes Paar wird gesehen. Jedes Paar bekommt seinen ganz eigenen Segensmoment geschenkt.
Die Leute haben sich schon viele Gedanken darüber gemacht, warum sie diese Art von Heiraten und Segnung wählen. Und letztlich mag man sagen, es ist ein Event. Aber ich glaube, dieser Event-Charakter steht für die Paare gar nicht so im Mittelpunkt, sondern dieser spontane Segen, den sie zugesprochen bekommen. Dass die Liebe im Mittelpunkt steht, ohne dass sie viel vorher organisieren müssen.
Die Aktion „Einfach heiraten“ richtet sich an ganz unterschiedliche Menschen. Paare können sich kirchlich trauen lassen, wenn sie standesamtlich verheiratet sind.
„Aber es gibt auch Paare, die haben sich schon zum Segen angemeldet. Die sagen, wir sind schon lange standesamtlich verheiratet und auch kirchlich getraut und haben einen langen gemeinsamen Weg hinter uns…und wollen den Segen jetzt erneuern.“
Besonders berührt hat Jessica Grünenwald, dass auch zwei Frauen sich angemeldet haben, beide Ende sechzig. Im August werden sie standesamtlich heiraten.
„Und die haben gesagt, ich habe Tränen in den Augen, dass sie die Möglichkeit uns bieten, dass wir uns als Paar gleichgeschlechtlich diesen Segen zusprechen lassen können.“
Auch andere Anmeldungen sind ihr in Erinnerung geblieben:
„Eine Dame hat sich angemeldet und gesagt: „Mein Mann weiß noch gar nichts davon. Ich werde meinen Mann überraschen“ Und die sind auch schon 39 Jahre zusammen.“
Oder die Familie, die nach vielen Jahren endlich ihre kirchliche Trauung nachholen möchte,
„die gesagt haben, wir sind schon so lange standesamtlich verheiratet, haben nie die Kurve gekriegt, kirchlich zu heiraten. Erst kam Kind eins, dann haben wir das zweite Kind bekommen. Und jetzt nehmen sie das Angebot an, lassen sich kirchlich trauen und finden es schön, dass sie auch die Kinder mit dazunehmen können.“
Viele Menschen, viele Geschichten. Für Jessica Grünenwald zeigt sich darin, warum Segen die Menschen berührt.
„Nicht alles kann ich bestimmen im Leben. Nicht alles kann ich (so leiten und führen und) so beeinflussen, wie ich es gerne hätte. Und wenn ich dann daran glaube, dass ich gehalten bin in Gottes Segen, erleichtert das manche Schritte und manche Wendungen im Leben, hoffnungsvoll weiterzugehen.“
Und was wünscht sie sich für die Paare am Ende dieses Segenstages?
„Mit einem Leuchten in den Augen würde ich mich freuen, wenn sie sagen: Genau das haben wir als Paar gebraucht. Und wir gehen jetzt gestärkt durch den Segen unseren weiteren gemeinsamen Lebensweg.“
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