Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Vor einigen Tagen musste ich an eine Geschichte denken. Die Geschichte von einem Süppchen. Ein berühmter christlicher Lehrer aus dem Mittelalter, Meister Eckhart, beschreibt darin einen Menschen, der ganz im Beten versunken ist. Offenbar ist dieser Mensch gerade dabei, ganz nah bei Gott zu sein. Aber genau in diesem Moment erfährt er von einem Freund, dass ein kranker Mensch seine Hilfe braucht, und zwar ganz praktisch: jemand muss ihm ein Süppchen kochen. Was soll dieser Mensch nun tun? Meister Eckhart lässt keinen Zweifel: er soll seine Gebete unterbrechen und dem Kranken helfen, was denn sonst? Gott geht ja nicht verloren, wenn man sich einem anderen Menschen zuwendet. Im Gegenteil: Gerade dort begegnet man ihm.
Mich berührt dieser Gedanke sehr. Oft stelle ich mir den Glauben als etwas Stilles vor, dass nur zwischen mir und Gott passiert. Beten, Nachdenken, zur Ruhe kommen. Ich kenne auch diese Situationen, wo ich endlich einen Moment für mich haben möchte. Und genau dann kommt mein Sohn um die Ecke und braucht mich oder ein Nachbar klingelt, weil er kurz mit mir sprechen möchte.
Die Zeit für mich allein bleibt wichtig, keine Frage. Jeder und jede braucht Auszeiten. Die Geschichte mit dem Süppchen erinnert mich jedoch daran, dass glauben nicht nur im stillen Kämmerlein geschieht. Sondern dass Christsein sich besonders darin zeigt, wie ich mit anderen Menschen umgehe, ganz konkret in meinem Alltag. Dort, in den kleinen Begegnungen mit meinen Mitmenschen.
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