Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Neulich hatte ich eine Begegnung mit jungen Menschen aus einer sehr frommen Glaubensgemeinschaft aus Amerika. Die jungen Leute eröffneten das Gespräch mit einer Frage: „Was ist dein Lieblingsvers in der Bibel?“ Das kam überraschend. Ich musste kurz nachdenken. Dann aber fiel er mir ein: „Aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr.“ Das ist der Anfang des 130. Psalms.
Nach der Begegnung habe ich darüber nachgedacht, warum mir dieser Vers eigentlich so wichtig ist. Zuerst weil er mich vertrauen lässt, dass Gott da ist und dass ich mich ihm zuwenden kann. Aber da ist noch mehr: Denn dort wird laut gerufen, nicht leise vor sich hin gebetet. Zu Gott kann ich rufen, ja sogar schreien. Manchmal ist mir wirklich danach, wenn ich an all die Grausamkeiten denke, die Menschen einander antun. Oder wenn mir klar wird, dass wir den Klimawandel wahrscheinlich nicht mehr aufhalten können. Das macht mich wütend, auch gegenüber Gott, und am liebsten möchte ich schreien: „Warum das alles? Hättest du uns Menschen nicht etwas weniger egoistisch erschaffen können?“
Solche Gefühle von Hoffnungslosigkeit und Leere sind der Bibel nicht fremd. Zum Glück. Sie gehören offenbar dazu, wenn man gläubig ist. Ich finde es befreiend, dass ich manchmal auch meine Hoffnungslosigkeit zu Gott bringen kann. Das schützt mich davor, den Kopf in den Sand zu stecken und zuversichtlich zu blieben. Trotz allem!
„Aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr.“
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