Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
„Besitzen Sie eigentlich eine Marmeladendose?“, hat mich vor kurzem eine Frau nach dem Gottesdienst gefragt. Ich kenne die Frau aus unserer Gemeinde gut und habe mich über die Frage gewundert. „Ich möchte Ihnen eine Marmeladendose schenken“, hat die Frau da gesagt und mir eine kunstvoll gemachte Porzellandose mit Blumenmuster überreicht.
Die Frau hat dann erzählt: „Die Dose hat einmal einer jüdischen Lehrerin aus Lorsch gehört. Nach der Machtergreifung Hitlers durfte sie nicht mehr als Lehrerin tätig sein. Sie hat dann Obst und Gemüse angebaut, um Geld zu verdienen und Blumen. Die Blumen hat sie zu kleinen Sträußen gebunden und ist damit von Tür zu Tür gegangen, um sie den Leuten zu verkaufen. Viele hatten aber Angst, der Frau etwas abzukaufen. Sie fürchteten, angezeigt zu werden. Aber meine Großmutter hat immer ein Sträußchen gekauft, auch wenn sie nicht viel Geld hatte“, hat die Frau ganz stolz berichtet. „Und bestimmt hatte sie auch Angst vor den Nazis. Eines Tages ist dann die jüdische Frau mit der Marmeladendose an die Tür meiner Großmutter gekommen und hat gesagt: „Ich weiß nicht, wie lange ich noch hier bin. Sie haben mir immer Blumen abgekauft. Dafür möchte ich mich bedanken“. „Seither“, so berichtete die Frau weiter, „ist die Dose in unserem Besitz“.
Die Marmeladendose mit ihrer Geschichte hat mich sehr berührt. Ich habe das Geschenk angenommen. Seitdem steht sie immer auf meinem Frühstückstisch. Ich schaue die Dose an wie einen großen Schatz und frage mich, was aus der jüdischen Frau geworden ist. Die Dose ist für mich aber auch zum Zeichen geworden, wie Menschen gut miteinander umgehen können. Sie erinnert mich an mutige Menschen wie die Großmutter der Frau, die aus ihrer christlichen Überzeugung heraus zutiefst menschlich gehandelt hat. Und sie erinnert mich daran, mich auch heute fair zu verhalten gegenüber jedem, dem ich begegne. Einfach menschlich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44561