Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Jeden Tag kommt Elisabeth auf den Friedhof Schönenberg. Sie besucht das Grab ihres Mannes. „Nun ist er erlöst", sagt sie, „er hat viel leiden müssen." Gedanklich nimmt sie ihre drei Kinder und die neun Enkel dorthin mit. Sie sind alle schon erwachsen. Und sie sind umhüllt von der Liebe ihrer Mutter und Großmutter.
Diese Liebe wuchs in der langen Ehe. Der berühmte Tübinger Philosoph Ernst Bloch redet „von der großen Schifffahrt, die Ehe sein kann und die" – so schreibt er – „mit dem Alter nicht aufhört, nicht einmal mit dem einseitigen Tod." 1)
Solche Liebe strömt weiter und hüllt alle Menschen ein, die Elisabeth in ihrem Herzen mit hierher nimmt.
Nachdem sie am Grab war, geht sie die wenigen Schritte zur Kirche. Dort ist ihre stille Einkehr immer auch eine Zeit, um ein Dankgebet zu sprechen und um Gott zu sagen, was sie bewegt, bedrängt, bedrückt: Großmuttergebete eben.
Ich hörte mal einen Vortrag eines Arztes, der sinngemäß sagte: Wir Ärzte wissen auch oft nicht, was wirklich heilt und hilft. Sind es unsere Maßnahmen, die Medikamente und verordneten Heilmittel oder – die Gebete der Großmutter?
Ich selbst habe immer wieder gesehen: Hinter solchen Gebeten steht ja ein gelebter Glaube, der geprägt ist von Liebe, Vertrauen und Hingabe. Da wo Hände gefaltet werden, wurden sie zuvor geöffnet: Haben fürs tägliche Wohl gesorgt, gekocht und gewaschen, Tränen und Nasen getrocknet und fürsorglich das getan, was guttut.
Elisabeth kann nicht mehr alles alleine bewältigen. (Keiner von uns kann das). Aber sie kann alles, was ansteht, mit Gott besprechen und sich und ihre Lieben IHM anvertrauen. Das gibt ihr Kraft und – es tut auch denen gut, für die gebetet wird.
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1) Ernst Bloch: „Das Prinzip Hoffnung“, Erster Band, Frankfurt am Main 1973 (st W 3), S. 381 f
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