SWR4 Abendgedanken

11JUN2026
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„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Nein, es ist nicht Heidi Klum, die diese Frage stellt und auf der Suche ist nach Deutschlands nächstem Topmodel. Sondern es ist die böse Königin im Märchen Schneewittchen. Sie sitzt vor ihrem Zauberspiegel und fragt nach der schönsten Frau im ganzen Land. Und es ist von vornherein klar, welche Antwort die Königin vom Zauberspiegel erwartet: „Du bist die Schönste im ganzen Land!“ So antwortet der Spiegel auch Tag für Tag, bis zu dem Tag, an dem er der Königin sagen muss, dass es nun eine noch Schönere gibt: Schneewittchen, die Stieftochter. Sie ist erwachsen geworden und jetzt definitiv die schönste Frau im ganzen Land. Das trifft die Königin in ihrer Eitelkeit mitten ins Herz und sie beschließt, die Konkurrentin zu beseitigen. Sie plant, Schneewittchen ermorden zu lassen.

Ich liebe dieses Märchen der Gebrüder Grimm. Denn es ist ein Märchen, das vom Vergleichen erzählt und vom Neid, der daraus erwächst. Und von der Kränkung und dem Hass, die daraus folgen. Denn der Königin geht es nur so lange gut, solange sie die Schönste ist. Niemand darf so schön sein wie sie. Und erst recht nicht noch schöner. Und darum vergleicht sie sich mit allen anderen Frauen im Land. Der Zauberspiegel muss ihr jeden Tag bestätigen, dass sie die Schönste ist. Und als sie eines Tages es nicht mehr ist, beginnt das Drama.

Natürlich ist das nur ein Märchen. Aber mit einem sehr ernsten Hintergrund. Denn vor dem Vergleichen ist niemand gefeit. Auch ich nicht. Ich ertappe mich auch bei Gedanken wie: Sind die anderen schöner? Sind sie klüger? Verdienen sie mehr Geld als ich? Können sie sich den besseren Urlaub leisten oder das größere Haus? Wer sich mit anderen vergleicht wird schnell unzufrieden. Denn es gibt fast immer jemand, der erfolgreicher, schöner oder beliebter ist. Das Vergleichen macht mich unzufrieden, unglücklich und erfüllt mich mit Neid.

Und das tut mir nicht gut. Vielleicht lautet darum das letzte der 10 Gebote in der Bibel: „Du sollst nicht begehren, was dein Nächster hat“ (2. Mose 20,17). Oder mit anderen Worten: Sei zufrieden mit dem, was das Leben oder Gott dir zugedacht hat. Ob du ein geliebter und wertvoller Mensch bist, hängt nicht an deiner Schönheit oder deinem Geld. Jeder Mensch ist längst von Gott geliebt. Auch du! In seinen Augen bist du schön.

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