SWR4 Sonntagsgedanken
Auf einem meiner Spazierwege komme ich regelmäßig an einem alten Haus vorbei. Es liegt etwas versteckt in einem großen Garten. Der ist mindestens so verwildert und zugewachsen wie das Haus; trotzdem erkennt man seine ehemalige Schönheit: Den Erker an der Sonnenseite, Türmchen und Giebel, eine stattliche Treppe, die zu einer großzügigen Veranda führt. Das Haus ist mein ganz persönliches Dornröschenschloss. Gerne verfalle ich bei seinem Anblick ins Träumen: wer hat hier wohl einmal gewohnt und was für ein Leben hat sich in diesen vier Wänden abgespielt? Aber auch: Wie könnte ich es wachküssen und was würde ich draus machen, wenn es meins wäre?
Wenn ich nicht zum Träumen aufgelegt bin, bewegen mich freilich ganz andere Gedanken. Dann muss ich feststellen, dass das Haus eines von viel zu vielen ist, die leer stehen, obwohl sie helfen könnten, die Wohnungsnot bei uns zu verringern. Eineinhalb Millionen Wohnungen fehlen in Deutschland. Und das liegt leider auch am Leerstand bereits vorhandener Immobilien. Mein zugewachsenes Märchenschloss zum Beispiel: Vielleicht können die Besitzer die Sanierung nicht bezahlen. Vielleicht können sich die Erben nicht einigen, was damit passieren soll. Vielleicht wollen sie es durchaus verkaufen, finden aber in einem Ort ohne Bahnanschluss niemanden, der es will. Leerstand hat viele Gründe; und es gibt kein Patentrezept, um ihm effektiv beizukommen. (Einige Städte haben es mit Regeln und Vorschriften versucht: Wohnungen dürfen höchstens ein halbes Jahr lang leerstehen. Dann müssen sie wieder vermietet oder verkauft werden. Viele Städte bieten auch Anreize: Beratung und Fördermittel, um den Besitzern zu helfen. Allerdings funktionieren diese Maßnahmen bisher nicht im großen Stil. Und Wohnungen und Häuser bleiben weiterhin unbewohnt.)
Ob ein biblisches Modell hier konkret Abhilfe schaffen könnte? In der Apostelgeschichte ist nachzulesen, wie die ersten christlichen Gemeinden ihr Zusammenleben geregelt haben. Da geht es auch ums Wohnen. Und da steht zum Beispiel: „Keiner betrachtete etwas von seinem Besitz als sein persönliches Eigentum. Vielmehr gehörte alles, was sie hatten, ihnen allen gemeinsam. Wer Grundstücke oder Häuser besaß, verkaufte diese und stellte den Erlös zur Verfügung.“
Das hört sich nicht nur so an, es heißt in der Bibelwissenschaft tatsächlich auch „urchristlicher Kommunismus“: Alle haben alles gemeinsam. Häuslesbesitzer trennen sich von ihren Immobilien und stellen den Erlös der Gemeinschaft zur Verfügung. Keiner ist reich, aber jeder hat genug. Ideale Zustände? Zu schön, um wahr zu sein? Ja, gewiss. Und die Bibelforscher sind sich deshalb auch einig, dass es auch in der Zeit vor 2000 Jahren nicht so perfekt zugegangen ist wie der Text es nahelegen will. Schon das nächste Kapitel der Apostelgeschichte berichtet von ganz realen Schwierigkeiten, die zeigen: Offensichtlich wollten die Leute auch damals nicht einfach alles mit anderen teilen. Aber was soll dann ein Bericht von geradezu paradiesischen Zuständen? Ich verstehe ihn heute als Einladung, eben mal nicht auf die Schwierigkeiten zu schauen. Das tue ich sowieso viel zu oft. Wenn ich mir aber vorstelle, wie es auch sein könnte, entstehen gute Ideen.
Und da komme ich wieder auf mein Dornröschenschloss zurück. Wenn ich meiner Fantasie freien Lauf lasse, dann stelle ich mir vor, dass sein Besitzer es für einen symbolischen Betrag X an eine Gruppe junger Familien verkauft. Die machen sich an die Arbeit. Mit viel Eigenleistung wollen sie dem alten Gemäuer wieder Leben beibringen. Ich träume davon, dass es nur kleine bürokratische Hürden gibt und die Bauvorschriften einfach umzusetzen sind. Und auch wenn ein paar wieder abspringen, wollen die anderen nicht aufgeben. Haben vielleicht sogar neue Ideen: Kommen ins Gespräch mit Vertretern der Kommune. Finden einen Investor. Das Projekt verändert sich. Nun sollen Wohneinheiten für Menschen unterschiedlichen Alters oder auch mit unterschiedlichem Betreuungsbedarf entstehen. Und irgendwann wird aus diesem Traum an einem Ort Wirklichkeit. Wenn verschiedene Leute an unterschiedlichen Orten viele kleine Schritte tun, kann sich das Gesicht der Welt verändern.
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