SWR1 Begegnungen

04JUN2026
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Martina Steinbrecher trifft Anna-Manon Schimmel

Die Pfarrerin lebt idyllisch: Ein großes Haus auf dem Land, bevölkert von Hunden, Katzen und Schildkröten; viel Platz für Mensch und Tier. Drei Dörfer in den Rheinauen in der Nähe von Offenburg gehören zu Annas evangelischer Gemeinde. Heute, am katholischen Feiertag Fronleichnam hat sie frei. Sie hat aber auch schon mal mitgeholfen bei den Vorbereitungen für die Fronleichnamsprozession:

Die schönste Erfahrung, die ich gemacht habe mit Fronleichnam war, als ich tatsächlich selber morgens, ganz ganz früh, mit ganz vielen Menschen Blüten gelegt habe auf dem Boden – diese Blütenbilder.

Typisch Anna: Wenn sie was anpackt, kniet sie sich voll rein. Und auch heute Morgen haben sich wieder an vielen Orten landauf landab vor allem Frauen ins Zeug gelegt, um aus tausenden von Blüten kunstvolle Bodenbilder zu arrangieren. Über diese Blütenteppiche schreitet dann später der Priester mit der Monstranz. Und die ganze Gemeinde hinterher. Was der evangelischen Pfarrerin am katholischen Brauch gefällt:

Ich bin ziemlich davon überzeugt, dass wir mit unserem Glauben an die Öffentlichkeit gehen müssen, weil er sonst verschwindet. Dass man nicht wartet, bis sonntags die Kirche voll wird, sondern eben schaut, wo kann ich denn hingehen? Wo ist Öffentlichkeit? Wo kann ich auftauchen? Das finde ich einfach superwichtig.

Anna-Manon Schimmel hat die Frage nach einem Ort, an dem sie mit ihrem Glauben zu den Menschen gehen kann, für sich eindeutig beantwortet:

Also, sagen wir so: Ich bin selber Kneipengängerin, und als ich Studentin war, bin ich wirklich sehr, sehr gern in Heidelberg in die ganzen Kneipen in der Unteren Straße gegangen.  

In so einer Kneipe hat Anna dann auch so eine Art Berufungserlebnis gehabt. Sie weiß es noch genau: Es war ein Faschingsdienstag. Und nach der Uni ist sie mit ein paar Kommilitonen in eine Kneipe eingekehrt.  

Und plötzlich: Alle sind dann irgendwie aufgestanden und haben gesagt: Anna, du predigst jetzt! Und dann hat irgendjemand zum Wirt gesagt, er soll mal die Musik leise stellen, und dann hat er die Musik leise gestellt und dann hatte ich auch keine Wahl.

Anna steht auf und predigt. Mitten hinein in die Gespräche und Themen der Leute an den Tischen und an der Theke. Von Jesus, der dabei ist im Leben, auch wenn’s mal eng wird.

 … und alle waren so still und danach waren alle irgendwie total ergriffen. Und da habe ich das erste Mal gedacht: Krass, dass es geht an so einem Ort, dass es mucksmäuschenstill werden kann, an einem Ort, wo das Leben tobt.

Mir fällt dazu der alte Schlager von der kleinen Kneipe in unserer Straße ein: „Und du stehst mit dem Pils in der Hand an der Theke, und bist gleich mit jedem per Du. Die Rechnung, die steht auf dem Bierdeckel drauf, doch beim Wirt hier hat jeder Kredit.“ 50 Jahre später ist die Kneipenkultur längst eine andere. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass Anna mit ihrer Botschaft sehr gut in diese Atmosphäre hineinpasst: Bei dem Gott, von dem sie erzählt, hat schließlich auch jeder Kredit. Gnade heißt das im Kirchensprech.

Ich sage immer, in der Kneipe muss es eben nicht leise sein. Wenn ich spreche, wird es automatisch leise. Aber die Leute dürfen sich eben noch ihr Bier oder ihre Cola weiterhin bestellen. Gerade dieses Wuselige, das ist eben so charmant an der Kneipe.

Anna trägt keinen Talar. In Jeans und T-Shirt unterscheidet sie sich nicht von den anderen Kneipengängern. Zum Predigen lehnt sie am Tresen; zum Beten setzt sie sich auf den letzten freien Platz auf der Treppe. In einer anderen Ecke sitzt ein Gitarrist auf einem Barhocker.

Wir haben schon mehr mit Schlagermusik gehabt, mit Akkordeon und Gitarre. Und bei Liedern, die alle kennen, dann schunkeln und singen natürlich schon auch Leute mit. Aber wir singen eben nicht „Großer Gott, wir loben Dich“ oder eben diese klassischen Gesangbuchlieder.   

Jeder darf mitmachen, keiner muss. Auch die Liturgie – also die Form des Gottesdienstes – ist an den Ort bestens angepasst. Es beginnt mit einer Begrüßung.

Und dann eben immer dieses „Prost Gott!“ Da zähle ich dann bis drei. Und wir heben alle unser Glas und schauen gegen den Himmel. Und sagen Prost Gott. Das machen wir einmal am Anfang. Und einmal ganz am Schluss vor dem Segen.

Gebetsanliegen werden auf Bierdeckel geschrieben und anschließend eingesammelt, egal wie viele. Alle Gebete werden laut vorgelesen Das kann dann schon mal länger dauern als ein Gottesdienst am Sonntagmorgen. Abschaffen möchte Anna-Manon Schimmel den übrigens nicht. Sie will aber Mut machen, mit Gottesdiensten auch an andere Orte zu gehen, und vor allem zu Menschen, die mit einem klassischen Sonntagsgottesdienst nicht so gut klarkommen:   

In der Kirche ist es ja manchmal so, dass man denkt: O je, wenn es über eine Stunde geht, dann scharrt man schon mit den Hufen und denkt, jetzt könnte die Person da vorn mal zum Punkt kommen. Aber in der Kneipe erlebe ich das anders. Weil mehr ein Austausch, ein Miteinander ist. 

Und das ist dann tatsächlich ein sehr evangelisches Konzept: Gottesdienste sind nicht an heilige Orte oder Zeiten gebunden. Sie können überall stattfinden, wo Menschen sich im Namen des dreieinigen Gottes versammeln: eins, zwei, drei: Prost, Gott!

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