SWR1 3vor8
Wenn ich wissen will, wie ich gerade aussehe – mein Gesicht, meine äußere Erscheinung – dann schaue ich in den Spiegel. Und wenn ich wissen will, wie es in mir drin aussieht, dann schaue ich – Werbung: im Fernsehen oder auf Social Media. Denn gute Werbung hat ein feines Gespür für meine innersten Wünsche und Sehnsüchte. Ist ja klar: mit denen kann sie mich locken, verlocken und oft genug auch verführen: mein Geld zu investieren in meine Träume.
Dieses Parfüm zum Beispiel – da könne ich doch ganz ich selbst sein, wenn ich es auftrage. Oder diese Heckenschere – mit Akku-System, das auch zum kabellosen Rasenmäher passt: das ideale Hilfsmittel, um im Garten „ganz mein Ding“ durchzuziehen.
„ICH – SELBST – MEIN DING“ – es ist dieses Motiv, das in der Werbung ständig auftaucht – egal für was. Und obwohl das natürlich auch bei mir zieht, ist es mir manchmal zu viel. Als wäre das Bild meines Inneren im Spiegel „überschminkt“ mit zu roten und breiten Lippen und einem Gesicht, das gar nicht mehr lebendig aussieht, sondern eher wie eine Schaufensterpuppe. Und ich selbst? So wie ich nun mal wirklich bin und aussehe? Bin dahinter verschwunden.
ICH – SELBST – so, wie ich bin: darüber kann ich eben nicht bestimmen. Ich kann etwas aus mir machen, ja. Aber mir Charaktereigenschaften oder Fähigkeiten dazukaufen, die ich gerne hätte so wie ein Parfüm – das geht eben nicht. Ich kann mich nicht selbst erschaffen – wie es mir Werbung manchmal vorgaukelt: Sondern ich bin geschaffen. Bin lebendig durch eine Kraft, über die ich niemals verfüge.
Diese Lebenskraft – daran glaube ich – ist ein Segen, und zwar ganz wörtlich. Im biblischen Wort für Segen steckt das nämlich drin: Kraft um zu leben, um es zu meistern und zu gestalten. Schon in biblischen Zeiten haben sich die Menschen danach gesehnt. Und bis heute findet in unserer christlichen Gemeinschaft nichts Wichtiges ohne einen Segen statt: am Ende jedes Gottesdienstes, bei jeder Taufe oder auch Hochzeit. Auch auf der Straße oder bei Festen sind heute viele Pfarrerinnen und Pfarrer präsent, um Menschen den Segen zuzusprechen, die das gerne möchten: Ein Geschenk von außen und nichts, was wir Menschen selbst erschaffen könnten. Mit biblischen Worten klingt das so:
Gott, der Herr, segne Dich und behüte Dich
Er lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir – Frieden.
