Begegnungen

Sie ist die Autorin des Buches „Vier minus drei”*, das nun verfilmt wurde. „Vier minus drei” - die drei steht für drei Personen: ihren Ehemann Heli und ihre Kinder Thimo und Fini. Alle drei hat die Österreicherin vor 18 Jahren bei einem schrecklichen Unfall verloren. Barbara Pachl-Eberhart kann sich noch genau daran erinnern:
Gründonnerstag 2008, ein sonniger Tag, ein bisschen kühl aber durchaus strahlend und ich war gerade unterwegs, hatte mich in der Früh noch verabschiedet, fröhlich, glücklich von meiner Familie. War bei einem Arzttermin mit dem Auto ein bisschen weit entfernt. Und dann noch schnell im Supermarkt Ostereinkäufe machen. Und gerade als ich ins Auto eingestiegen bin, hat mein Handy geläutet und es war die Tagesmutter meiner Tochter und am anderen Ende der Leitung war eine sehr brüchige Stimme - die nur gesagt hat: „Du, es war ein Unfall mit einem Clownbus an einem Bahnübergang.”
Der Clownbus - so hieß das Fahrzeug, weil Barbara und ihr Mann Heli beide als Clowns gearbeitet haben. Barbara als Krankenhausclown in jenem Hospital, in das nun ihre Kinder eingeliefert werden und wo sie kurz darauf sterben:
Ich hab zehn Jahre lang als Clown gearbeitet in genau diesem Krankenhaus - ich hätte auch am selben Tag um die selbe Zeit einen Clowneinsatz gehabt, auf der Station auf der meine Kinder lagen, und wo ich außerdem - und ich glaub das ist ganz wichtig - , wusste dass ich bei Weitem nicht die einzige bin, der so etwas passiert.
Barbara Pachl-Eberhart beginnt in den Wochen nach dem Unfall ihren Verstorbenen Briefe in den Himmel zu schicken - sie glaubt bis heute ganz fest, dass es ihnen gut geht, da wo sie jetzt sind, bei Gott. Sie liest spirituelle Bücher, stellt die Sinnfrage...
Und ich denk geistige Nahrung kann an einer Stelle, wo alles andere wegbricht unendlich lebensrettend sein. Und die Herausforderung war dann eher mich auch um meinen Körper zu kümmern.
Dabei hilft ihr ganz konkret ihr Freundeskreis. An den hat sie in einer emotionalen Mail einen Hilferuf geschrieben: „Vergesst mich bitte nicht...” Die Botschaft kommt an:
Meine Freunde haben mir Essen gebracht, aber sie haben mir z.B. auch Klopapier gebracht, die haben mitgedacht: Die haben gedacht die Barbara war jetzt schon zwei Wochen nicht mehr einkaufen, was könnte sie brauchen? Oder sie sind einfach gekommen und haben mir den Rasen gemäht und ich war so dankbar für diese praktischen Hilfen an einer Stelle, wo ich das selber einfach nicht konnte.
Mich beeindruckt sehr, wie der Glaube an Gott Barbara Pachl-Eberhart, trotz allem was sie erleben musste, immer noch trägt:
Ich glaub nicht, dass Gott die Kraft ist, die uns beschützt vor allem was uns weh tut. Aber ich glaube, dass Gott ganz unbedingt die Kraft ist, die ganz nah bei uns ist und die uns trägt, wenn etwas weh tut. Und wenn Menschen an mich denken im Krankenhaus am Bett meiner Kinder, die sterben und sich fragen: „Wo war denn Gott da?” Dann sag ich: „Bei mir natürlich und er hat meine Hand gehalten und er ist mir beigestanden und er hat dafür gesorgt, dass ich irgendwie dadurch gehen kann.
Ich treffe Barbara Pachl-Eberhart in Wien, wo sie heute lebt. Nachdem sie mit Anfang 30 Ehemann und beide Kinder verloren hat, durchlebte sie Schmerz, Trauer, Depressionen, Zusammenbrüche. Ging zur Psychotherapie. Die heute 52-Jährige hat sich aber auch neu verlieben können, ist heute Mutter der 9-Jährigen Erika. Und sie strahlt mit ihren wachen Augen eine Lebensfreude aus, die mich vor dem Hintergrund ihres Verlusts, sehr bewegt. Das geht nicht nur mir so - inzwischen ist sie für viele Menschen zu einer Anlaufstelle in Trauerfragen geworden, hat darüber auch das Buch „Warum gerade du?”** verfasst, bietet Schreibseminare und Trauerkurse an.
Ein Rat, den ich wirklich gerne und von Herzen gebe, ist, dass man nicht versuchen sollte die Dinge ganz allein zu schaffen, nur mit sich selbst auszumachen - das ist zu wenig. Deshalb gibt es ja so viele von uns. Und wenn man das auf eine spirituelle Ebene bringt, dann gibt es eben jenseits von allen Menschen, mit denen wir reden können, auch noch ein Du, an das ich mich wenden kann , bei dem ich wirklich davon ausgehen kann, dass es mich versteht und nicht nur das, sondern dass es vielleicht auch aktiv irgendwie mir hilft.
Natürlich hat sich ihr Glaube an Gott verändert, aber verloren hat ihn die katholische Christin nicht:
Geblieben ist einfach dieses ganz tiefe Gefühl wir sind nicht allein, wir sind begleitet und vielleicht die Erscheinungsform in der mir Gott am meisten erscheint ist jeder neue Tag, im Wissen da gibt es ein Du. Und der neue Tag ist ein Du, das ich noch nicht kenne, aber dem ich vertraue.
Dieses Vertrauen in den Urheber allen Lebens strahlt sie während unserer Begegnung auch aus. Und sie packt es in wunderbare Bilder - ihre Bücher zu lesen ist trotz der Schwere der Thematik immer auch eine literarische Freude. Weil sie so sprachsensibel ist, hat sie am eigenen Leib erlebt, dass Sprache auch verletzen kann. Insbesondere in der Trauer. Etwa die Frage: „Ist es nicht mal bald gut mit dem Trauern?” Aber auch: „Wie geht es dir?” Für trauernde Menschen oft total überfordernd. Besser ist: „Wie geht es dir heute?” Sie ermutigt mit Trauernden im Kontakt zu bleiben. Und sich immer wieder diese Fragen zu stellen:
Frage dich jeden Tag: wie wärs wenn ich morgen sterben würde, könnte ich im Frieden gehen, hab ich alle Konflikte geklärt, bin ich jemandem was schuldig innerlich, hab ich meine Werte in die Welt gebracht? Und diese Fragen find ich extrem wertvoll für jeden Tag, den uns das Leben schenkt.
Dass ihr Leben nun verfilmt wurde und sie auch ganz eng in den Prozess der Entstehung mit einbezogen war, das ist für Barbara Pachl-Eberhart ebenfalls ein großes Geschenk. Der Film „4-3” wurde auf der Berlinale uraufgeführt, ist weiterhin in Kinos zu sehen und erscheint bald auf DVD.
Ich möchte wirklich allen Menschen danken, die den Mut haben den Film anzuschauen - danke, dass ihr euch traut ein offener Mensch zu sein, euch einzulassen.
Und ich danke Barbara Pachl-Eberhart, für den Lebensmut, den sie mit anderen teilt.
*Barbara Pachl-Eberhart: Vier minus drei. Wie ich nach dem Verlust meiner Familie zu einem neuen Leben fand, Wilhelm Heyne Verlag, München.
** Barbara Pachl-Eberhart: Warum gerade du?, Antworten auf die großen Fragen der Trauer, Wilhelm Heyne Verlag, München.
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