SWR4 Sonntagsgedanken
Anfang Mai habe ich einen Anruf bekommen wegen einer Trauung. Der Bräutigam sagte zu mir, dass seine Braut das mit der Kirche wichtig fände. So mit Gottes Segen und vor Gott irgendwie. Er sei da ja sehr progressiv und deswegen von der Kirche distanziert. Aber seine zukünftige Ehefrau würde halt doch auf diesen Segen wertlegen.
Diesen Segen… Bei solchen Formulierungen muss ich immer ein bisschen schmunzeln. Gibt’s so was überhaupt? Der junge Mann scheint da so seine Zweifel zu haben. Nimmt aber trotzdem den Wunsch seiner künftigen Ehefrau ernst – und vielleicht macht sie ihn auch neugierig; auf Segen. Für mich zeigt das immer: Man wünscht sich Segen. Aber genau sagen, was Segen ist, kann man nur ganz schwer.
Was steckt dahinter? Meine Erfahrung nach etlichen Trauungen: Segen soll zum Gelingen einer Ehe beitragen. Und er scheint noch stärker zu vermitteln und zu besiegeln als das Standesamt: l„Jetzt sind wir wirklich verheiratet!“
Und trotzdem – trotz des Segens scheitern Ehen manchmal auch.
Und ich kenne natürlich auch Paare, bei denen es nicht gehalten hat: und für die war das richtig traurig, bitter, betrüblich. Diese Erfahrungen begleiten mich immer bei einer Hochzeit. Und ich weiß: Ich kann zwar den Segen sprechen, aber nicht garantieren.
Tauchen wir inhaltlich mal ein: Bei uns Evangelischen endet jeder Gottesdienst immer mit dem gleichen Segen: „Der Herr segne Dich und behüte Dich. Er lasse sein Angesicht über Dir leuchten und sei Dir gnädig. Er erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.“ Da steckt eigentlich alles drin. Segen bedeutet: Gott ist bei Dir. Mit seiner Nähe ist eine besondere Atmosphäre verbunden: Licht, Friede, Wohlbefinden, Wärme.
Der Wunsch nach solchen Segen ist uralt. Und in früheren Zeiten war er ja auch noch viel anschaulicher im Gottesdienst präsent: Wir wissen aus archäologischen Grabungsergebnissen: In den Tempeln standen vor 3000 Jahren große Statuen der Götter. Häufig vergoldet mit Edelsteinen als Augen. Feuer brannten und spiegelten sich in den polierten Statuen. Besondere Gerüche wie zum Beispiel von Weihrauch lagen in der Luft. Wer damals in den Tempel gegangen ist, für den war körperlich spürbar, was das heißt: Angesehen zu werden von einer Gottheit!
Funkelnde Augen leuchteten einen im Fackelschein an; in einem Raum ohne Makel; Umgeben von Wohlgeruch gegen den Gestank der Straßen. So war Segen eine Erfahrung, für einen kurzen Moment Mitbewohner in Gottes Wohnzimmer zu sein. Ich stelle mir vor, dass die Menschen damals sehr beschwingt und vital aus dem Tempel zurück in den Alltag gegangen sind.
Aber auch in dem Wissen, dass sich der Moment aus Gold, Wärme und Wohlgeruch mit jedem Tag Abstand verwischen wird. Bis das Glitzern von Gottes Augen nur eine ungefähre Erinnerung bleibt und der Weihrauchgeruch nur noch ein Spurenelement im Riechnerv zwischen Nase und Gehirn.
Jetzt haben wir ja diese antiken Götterstatuen nicht mehr. Ich halte auch das für richtig: Weil Gottes Segen sich ganz frei davon entfalten kann. Ganz ohne Kräuter und blitzende Augen ist Gottes Segen da – wie eine Art weiter Raum, in dem Gott zwei Menschen umgibt, vitalisiert, ermutigt und wärmt.
So versuche ich, einem Brautpaar den Segen näher zu bringen. Und dann erzähle ich von einem Kinderlied. Der Text geht so: Ich hüll Dich golden ein. Von Gott sollst Du gesegnet sein. Von Herzen freu ich mich, Gott freut sich über Dich!
Einander golden einhüllen finde ich stark. Das erinnert einerseits an den Zauber der antiken Statuen. Andererseits hallt alles mit, was wir mit Gold verbinden: Kostbarkeit, Schönheit, Glanz. Und es geht um Gottes Freude über jeden einzelnen von uns. Und bei Freude taucht sie wieder auf: Die Lebendigkeit; die Vitalität.
„Wie klingt das jetzt für Sie?“, frage ich die Brautpaare. Segen als Zeichen für Lebendigkeit? Weniger als Schutz oder als Garantie. Sondern als Zuspruch: für offene Herzen, gute Gespräche, zärtliche Hände; als Zuspruch zu dem Wunsch, dass ein Paar lebendig bleibt.
Aber in dem Wissen, dass es kein Selbstläufer ist, dass immer alles gut geht. Und deshalb als auch Motivation, einander golden einzuhüllen. In dem Wissen, dass das dann aber immer noch kein Selbstläufer ist.
Ja, fragen Sie jetzt vielleicht, aber wenn der Segen nie eine Garantie ist – was taugt er dann?
Ich glaube, dass der Segen immer jeden Einzelnen erreicht. Während einer Trauung, aber auch in einer Trennung. Und er sagt seit 3000 Jahren: Ich sehe Dich mit leuchtenden Augen an. Ich gebe Dir Frieden. Ich hüll Dich golden ein.
Gold für Herz und Sinn in jeder Lebenslage. Herzgold. Das ist Segen.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine goldene Woche.
