SWR4 Abendgedanken
Ich mag den Frühsommer, wenn Wälder und Wiesen voller Leben sind. Besonders mag ich die weiten Felder mit Gänseblümchen. Jedes einzelne kann für mich etwas vom Leben erzählen.
Da steht ein kleines, noch ganz junges Gänseblümchen im Gras. Die Blütenblätter sind weiß, manche zart rosa überhaucht, die Mitte leuchtet hellgelb. Es wirkt frisch und offen, als hätte es gerade erst das Licht der Welt erblickt.
Wenn ich dieses junge Blümchen anschaue, denke ich an einen Anfang, der noch nicht beladen ist. An das Helle und Unschuldige, das wir alle einmal in uns getragen haben. An diese erste Offenheit, die in Kinderaugen glänzt.
Daneben steht ein zweites Gänseblümchen. Es hält sich noch aufrecht, aber der Wind hat es zerzaust. Einige Blütenblätter fehlen, andere hängen schief. Man sieht ihm an: Da ist schon einiges darüber hinweggefegt. Regen. Kälte. Vielleicht ein Fußtritt. Vielleicht einfach die Zeit.
Bei diesem zweiten Blümchen empfinde ich eher Respekt und Achtung. Es ist, als schaue ich in ein altes Gesicht. Ein Gesicht mit Falten und Müdigkeit. Verwittert und nicht mehr makellos, aber mit einer Würde, die tiefer reicht als äußerliche Schönheit.
Im christlichen Glauben gibt es die Hoffnung, dass das, was mich verletzt und verwundet hat, nicht ausradiert werden muss, damit neues Leben möglich wird. Auch der auferstandene Jesus wird nicht als einer gezeigt, an dem alles Leid spurlos vorübergegangen ist. Seine Wunden bleiben sichtbar. Aber sie bestimmen ihn nicht mehr. Sie stehen nicht im Mittelpunkt.
Für mich ist das die tröstliche Botschaft unseres Glaubens: Gott liebt nicht nur das, was unversehrt ist. Nicht nur, was jung ist und blüht. . Gott sieht auch das Zerzauste. Das Müde. Das, was nicht gelungen ist. Auch das, was Wunden trägt und trotzdem weiterwächst und lebt.
Die beiden Gänseblümchen erinnern mich an diese beiden Seiten. Das eine sagt: Vergiss nicht, dass in dir etwas unschuldig geblieben ist, das heil ist. Etwas Helles. Etwas, das hoffen kann.
Und das andere sagt: Auch deine Spuren gehören zu dir. Deine Wunden nehmen dir nicht deine Würde. Und Deine Narben: hey - die machen Dich liebenswert.
