SWR4 Abendgedanken

02JUN2026
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Auf dem Tisch vor mir steht eine weiße Schale mit drei roten Äpfeln. Der erste Apfel ist dunkelrot, fast samtig, mit einem kleinen goldenen Schimmer an der Seite. Der zweite ist heller, lebendiger, übersät mit feinen gelben Punkten. Der dritte hat rote und gelbe Stellen, als würde sich das Morgenlicht in seiner Schale verfangen. Nichts Besonderes.
Was aber … ja, was wäre, wenn es auf der ganzen Welt nur einen einzigen Apfel gäbe? Dann wäre er doch ein Weltwunder, größer als die Pyramiden in Ägypten! Menschen würden von überall her pilgern, um ihn zu sehen. Sie würden still werden vor diesem runden, leuchtenden Wunder. Sie würden tagelang Schlange stehen, nur um ihn einmal berühren zu dürfen. Und wer ihn in der Hand halten dürfte, würde vor Staunen zittern.
Eigentlich ist es doch genauso! Diesen einen Apfel gibt es kein zweites Mal. Den zweiten Apfel auch nicht. Den dritten auch nicht! Nie wieder wird sich dieses Rot genauso mit Gelb mischen. Nie wieder werden diese kleinen Punkte genau an dieser Stelle sitzen. Nie wieder wird ein Apfel genauso gewachsen sein: aus Erde, Regen, Licht, Wind, Blüte, Biene und Zeit. Im ganzen Universum ist jeder dieser Äpfel einmalig in seiner Herrlichkeit. Ich übersehe dieses Wunder nur deshalb so häufig, weil es so verschwenderisch oft vorkommt! Weil Äpfel in Schalen liegen, an Bäumen hängen, im Gras liegen. Genauso ist es mit so vielen anderen Dingen: Brot steht immer auf dem Tisch. Blumen wachsen selbstverständlich am Wegrand. Und Menschen … begegnen uns jeden Tag!
Diese Welt ist nicht beliebig. Die Schöpfung geschieht und sie geschieht jeden Tag. Und sie ist genau so gemeint! Jeder Apfel. Jede Blüte. Jeder Atemzug. Jeder Augenblick. Das gilt auch für uns Menschen. Auch mich gibt es nur dieses eine Mal. Jeden Menschen, der mir heute begegnet ist, gibt es im ganzen Universum nur ein einziges Mal. Auch den, über den ich mich geärgert habe. Auch in ihm leuchtet etwas, das größer ist als mein Ärger.
Ich nehme einen der Äpfel in die Hand. Ganz langsam. Er ist kühl und glatt und liegt rund und angenehm in meiner Hand.
Ich empfinde Dankbarkeit. Achtung. Und eine leise Ahnung, dass diese Welt mehr Liebe in sich trägt, viel mehr, als ich überhaupt erkennen kann.

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