SWR4 Abendgedanken
Ich arbeite in einem großen meditativen Zentrum. Normalerweise ist es bei uns sehr still. Menschen kommen zum Meditieren, zum Schweigen, um Abstand vom Alltag zu gewinnen. In diesen Tagen ist das anders. Bei uns findet eine Familienfreizeit statt. Jetzt sind viele Kinder da. Und mit ihnen eine ganz andere Art von Leben.
Ich beobachte ein Kind in unserem Innenhof. Es sitzt am Brunnen und hat ein Blatt in der Hand. Für mich ist es ein ganz normales Blatt, heruntergeweht von irgendeinem Baum. Für das Kind ist es offenbar etwas Besonderes. Es dreht das Blatt hin und her, betrachtet die Adern, hält es gegen das Licht. Dann läuft es zu einem Erwachsenen und zeigt ihm das Blatt begeistert.
Der Erwachsene ist freundlich, aber beschäftigt. Ein kurzer Blick, ein schnelles Lächeln, ein Halbsatz: „Ja, schön.“ Dann wendet er sich wieder ab. Das Kind bleibt stehen. Mir kommt es so vor, als wäre seine Begeisterung kurz ins Leere gelaufen. Nichts Dramatisches, na klar. Aber mir geht diese Szene nach.
Heute ist Internationaler Kindertag. Da denke ich: Kinder brauchen Essen, Kleidung, ein Bett, Schule, Schutz und Regeln. Aber sie brauchen auch etwas, das man nicht organisieren kann. Sie brauchen Zuwendung. Einen Blick, der sie wirklich sieht. Ein Ohr, das nicht nur nebenbei hört. Einen Erwachsenen, der für einen Moment mitgeht in ihre Welt. Auch dann, wenn es nur um ein Blatt geht, einen Käfer, ein Bild oder eine kleine Sorge.
Eine Szene aus dem Evangelium beschreibt, wie Menschen Kinder zu Jesus bringen. Die Jünger aber wollen sie abweisen. Sie finden offenbar: Dafür ist jetzt keine Zeit - Spielerei. Aber Jesus sieht das ganz anders. Er lässt die Kinder zu sich kommen. Er nimmt sie in den Arm, legt ihnen die Hände auf und segnet sie. Und er sagt sogar: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Markus 10,15)
Mich berührt diese Geste. Jesus redet nicht nur über Kinderfreundlichkeit, sondern lebt sie. Er schenkt den Kindern Zeit, Nähe und Schutz. Er macht ihnen Platz. Und er zeigt den Erwachsenen: Schaut hin. Hindert sie nicht. Von Kindern könnt ihr lernen, wie man staunt, vertraut und sich beschenken lässt.
Gesehen werden. Gehört werden. Das brauchen Kinder, damit sie wachsen können und das Leben gelingt. Die tägliche Dosis Menschlichkeit heißt: einander so zu begegnen, dass der andere spürt: Ich bin nicht egal. Ich zähle.
