Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Ich habe eine Freundin in Ungarn. Ihr Sohn und meine Tochter sind fast genau gleich alt. Als sie klein waren, haben sie oft miteinander gespielt. Und einmal kam meine Tochter Paula wutentbrannt zu mir: „Der Janos hört nicht auf mich! Ich sag ihm, jetzt bin ich dran auf der Rutsche. Aber er hört einfach nicht auf mich!“ Janos spricht nur ungarisch. Paula nur deutsch. Er konnte sie gar nicht verstehen. Am Ende ist Paula handgreiflich geworden. Sie hat ihn von der Rutsche geschubst. Und dann waren beide beleidigt.
Meine Freundin und ich lachen noch heute miteinander über diese Geschichte. Aber sie fällt mir auch ein, wenn ich wieder mal feststelle, wie oft Menschen aneinander vorbeireden. Nicht nur, weil sie verschiedene Sprachen sprechen. Sondern weil sie unterschiedlich denken, fühlen und leben. Das passiert in der Familie. In der Politik. In der Kirche. Menschen reden und reden– aber manchmal erreichen sie einander einfach nicht. Und manchmal werden Worte dann hart und ungerecht. Oder Menschen reden gar nicht mehr miteinander. Oder werden sogar, wie meine Tochter, irgendwann handgreiflich.
Vor kurzem haben wir Pfingsten gefeiert. Und die Pfingstgeschichte erzählt davon, dass in Jerusalem Menschen aus aller Herren Länder zu einem großen Fest zusammenkommen. Alle sprechen unterschiedliche Sprachen. Keine gute Voraussetzung für gegenseitiges Verständnis. Aber dann geschieht etwas Besonderes: Die Jünger Jesu erzählen begeistert von Gottes Liebe – und jeder, der ihnen zuhört, spürt diese Liebe.
Ich finde das bemerkenswert: Gottes Geist verbindet Menschen nicht dadurch, dass alle gleich werden. Sondern dadurch, dass Menschen einander verstehen wollen und so Brücken zueinander finden. Da wird dann aus „Der hört nicht auf mich!“ ein „Ich versuche dich zu verstehen.“ In einer Welt voller Stimmen, Sprachen und Meinungen, brauchen wir diesen Geist, der uns hilft, nicht gleich ungeduldig zu werden. Sondern kurz innezuhalten. Hinzuhören. Und einander verstehen zu wollen.
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