SWR Kultur Wort zum Tag

30MAI2026
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An manchen Tagen wache ich auf und fühle mich so richtig fit. An anderen überhaupt nicht. Da öffne ich die Augen und weiß sofort: Heute wird es ein bisschen zäh. Heute fehlt mir Kraft und Leichtigkeit. Das ist besonders dann problematisch, wenn ich weiß: Heute soll ich kreativ sein. Gestalten, denken, etwas Konstruktives hervorbringen. Es ist dann wie verhext: Genau in dem Moment, in dem ich es erzwingen will, wird mein Kopf ganz leer.

Zum Beispiel beim Schreiben: Dann kreisen meine Finger über der Tastatur, setzen an, löschen wieder, suchen einen Anfang, der sich einfach nicht zeigen will.

Vermutlich liegt der Fehler schon in der Erwartung. Kreativität lässt sich nicht bestellen wie ein Kaffee. Sie kommt auch nicht auf Zuruf. Sie ist eher wie ein scheues Tier: Sie zeigt sich, wenn man nicht zu hastig auf sie zuläuft.

Und trotzdem bleibt der Druck. Gerade weil Kreativität fast überall erwartet wird. Im Beruf. Im Alltag. Selbst meine Freizeitgestaltung soll möglichst originell und besonders sein. Aber manchmal bin ich eben kreativlos.

Das Wort „kreativ“ kommt vom lateinischen „creatio“ und heißt: Schöpfung. In der Bibel ist es Gott, der sich zuerst als Schöpfer zeigt. Gott schafft Licht, Leben, Möglichkeiten. Erst am sechsten Tag sind Menschen da, die es ihm gleichtun können.

Ich finde diesen Gedanken entlastend: Kreativität läuft immer schon voraus. Zu oft verhalte ich mich, als müsste ich selbst Schöpferin aller Dinge sein und alles nur aus mir herausbringen: die originellen Ideen, die richtigen Worte. Und manchmal klappt es ja auch. Gott hat uns mit eigenen schöpferischen Fähigkeiten ausgestattet. Aber manchmal ist meine Kreativität wortwörtlich ausge-schöpft. Nach der Schöpfung kommt die Er-Schöpfung.

Am Abend vor seinem Tod hat Jesus zu seinen Freunden gesagt: Wachet und betet. Bleibt aufmerksam. Aber die Freunde schlafen ein. Sie sind erschöpft.

Ich mag diese Szene, weil sie so ehrlich ist. Da sind keine Menschen mit unerschöpflicher Kraft. Da sind Menschen, die müde werden, versagen, einfach nicht mehr können. Erschöpfung gehört offenbar zum Menschsein dazu. Und manchmal eben auch Kreativlosigkeit.

Vielleicht sind solche Zeiten deshalb nicht einfach nur ein Mangel. Vielleicht sind sie eine notwendige Pause. Ein Signal von Körper und Geist: gib Dir Zeit!

Wenn ich gar nicht weiter weiß, versuche ich manchmal das zweite, worum Jesus seine Freunde bittet: Beten.

Beten heißt für mich in solchen Momenten: Ich muss das jetzt nicht allein schaffen. Ich kann Gott einfach von meiner Leere erzählen. Und darauf vertrauen: ich bekomme neue Kraft.

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