SWR Kultur Wort zum Tag
„Das ist ja nervig.“ Mehr hat der Mann nicht gesagt. Kein Dankeschön, kein Blickkontakt. Dabei hatte ich ihm gerade geholfen.
Ich stand am Gleis und habe auf den Zug gewartet. Ein älterer Herr hat mich angesprochen. Er wollte wissen, ob der Zug hier zum Hauptbahnhof fährt. Ich wusste es selbst nicht genau, also habe ich die Bahn-App geöffnet, Verbindungen gesucht und erklärt, dass die Züge verspätet sind. Ein paar Minuten lang hat das gedauert. Dann hat der Mann vor sich hingemurmelt: „Das ist ja nervig“. Und ohne ein weiteres Wort oder einen Blick hat er sich umgedreht und ist gegangen.
Bitte was? Nicht mal danke? Ich war baff. Ist das wirklich zu viel verlangt? Das hat mich richtig geärgert.
Da hab ich mir Mühe gegeben, war freundlich und hilfsbereit, – und irgendwie habe ich erwartet, dass wenigstens ein bisschen davon zurückkommt. Ein kleines Zeichen von Wertschätzung: Du hast mir geholfen. Ich hab das gesehen.
Ich merke: So selbstlos, wie ich dachte, war meine Hilfe offenbar doch nicht. Ich wollte eben auch wahrgenommen werden. In meinen Beziehungen lebe ich ja auch von Aufmerksamkeit, Freundlichkeit, Resonanz. Deshalb verletzt es, wenn meine Hilfe wie selbstverständlich behandelt wird. Noch dazu von einem Wildfremden.
Dabei ist Helfen wie ein Geschenk. Und bei einem Geschenk liefere ich die Rechnung ja auch nicht mit. Natürlich freue ich mich über Dankbarkeit. Aber wenn ich nur schenke, um dafür Anerkennung zu bekommen, wird aus Hilfe schnell ein Handel: „Do ut des“, wie es die Lateiner so pointiert formuliert haben: Ich gebe dir etwas – damit Du mir etwas zurückgibst.
Jesus erzählt einmal von einem Gastgeber, der ein großes Fest vorbereitet. Und er sagt: Lade nicht nur die ein, die dich später zurück einladen. Sondern gerade die, die nichts zurückgeben können. Arme, Kranke, Fremde. Gottes Liebe ist wie dieser Gastgeber: Sie rechnet nicht auf.
Das christliche Wort dafür ist Gnade. Gemeint ist: Gottes Liebe muss ich mir nicht verdienen. Sie ist kein Bonus für gute Menschen. Sie führt keine Strichlisten darüber, wie oft ich mich am Bahnhof besonders nett verhalte. Sie ist ein Geschenk. Großzügig. Bedingungslos. Und genau deshalb ist die christliche Nächstenliebe so anspruchsvoll. Sie fragt nicht zuerst: Was bekomme ich dafür? Sondern: Was braucht der andere gerade?
Ich finde das schwer. Denn natürlich möchte ich gesehen werden. Aber wenn ich Hilfe als Geschenk verstehe, kann ich vielleicht auch meine eigenen Erwartungen besser loslassen.
Der Mann am Bahnhof hat sich nicht bedankt. Vielleicht war er gestresst. Vielleicht überfordert. Vielleicht einfach unhöflich. Ich weiß es nicht. Aber vielleicht war meine Hilfe trotzdem nicht umsonst. Sein Zug kam jedenfalls am richtigen Gleis an.
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