SWR4 Feiertagsgedanken

04JUN2026
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Ich bin Manuela Pfann und wünsche Ihnen einen guten Morgen an diesem Feiertag, an Fronleichnam.

Bei uns zuhause ist jeden Mittwoch ein kleines bisschen Fronleichnam. So jedenfalls würde ich unseren Mittwochabend beschreiben. Da essen wir Pfannkuchen. Immer. Jeden Mittwoch. Wir, dass sind vor allem meine Kinder und ich. Aber, und das ist das Besondere: Wir genießen unsere Pfannkuchen zwar am selben Abend, aber an unterschiedlichen Orten, rund 800 Kilometer entfernt voneinander. Mein jüngster Sohn und ich zuhause am Esstisch, meine Tochter in Norddeutschland. Das ist zu einer kleinen Familientradition geworden, seit sie zum Studium ausgezogen ist. Mehl, Eier, Milch, ein bisschen Butter in die Pfanne. Und dann am liebsten Zimtzucker drüber. Für mich ist diese Mehlspeise mehr als nur Nahrung, um satt zu werden. Für mich ist sie ein Zeichen, das uns verbindet. Weil wir an diesem Abend ganz bewusst aneinander denken, wenn wir am Tisch sitzen.
Und im Kern geht es genau darum an Fronleichnam. Das Wort Fronleichnam bedeutet übersetzt: Der Leib des Herrn. Der Tag heute soll erinnern. An Jesus, seine Botschaft und an das Zeichen, das er seinen Jüngern hinterlassen hat: Als alle zum letzten Mal zusammengesessen sind, beim letzten Abendmahl, da hat Jesus das Brot mit den Jüngern geteilt und gesagt: „Das ist mein Leib.“ Das bedeutet so etwas wie: Das bin ich für Euch! Daran sollten sie denken, wenn er nicht mehr da ist.
Als Erinnerung an diesen Jesus wird deshalb das gebrochene Brot in Form einer Hostie verehrt. Und heute, an Fronleichnam, öffentlich in Prozessionen durch die Straßen getragen.

 „Tut dies zu meinem Gedächtnis" – so steht es im Evangelium und diese Worte werden in der katholischen Kirche in jeder Eucharistiefeier wiederholt. Sonntag für Sonntag. Wenn der Priester mit der Gemeinde das Abendmahl feiert. Es hat also funktioniert, was Jesus damals angefangen hat: zusammen sein, Brot teilen, Gemeinschaft spüren. Das ist bis heute so geblieben. Mich beeindruckt immer wieder aufs Neue, wie einfach diese Idee ist.
In vielen Kulturen gilt nämlich: Wer an meinem Tisch sitzt, ist mein Gast, dem will ich nichts Böses. Am Tisch beisammen sein, das schützt, verbindet und versöhnt. Jesus hat das gewusst. Und er hat dieses urmenschliche Zeichen mit seiner tiefsten Botschaft verbunden: Ihr gehört zusammen – auch wenn ich nicht mehr da bin. Wer miteinander isst, vertraut sich. Wer Brot mit anderen teilt, der teilt auch ein Stück von seinem Leben.

Fronleichnam wird in der Theologie auch als „Ideenfest“ bezeichnet. Bei diesem Hochfest geht es nicht um ein Ereignis aus dem Leben von Jesus, also zum Beispiel wie an Weihnachten um seine Geburt oder wie an Ostern um die Auferstehung. An Fronleichnam geht es um Jesus selbst und um seine ur-eigene Botschaft – vereinfacht gesagt: um die Idee von einem guten Leben. Und die hat zu tun mit der Erinnerung an das letzte Abendmahl vor seinem Tod, als er das Brot mit seinen Jüngern geteilt hat. Daran sollten sie denken, wenn er nicht mehr da ist. Sie sollten zusammenkommen, gemeinsam essen und mit den Menschen so umgehen, wie sie es bei ihm gesehen hatten. Und das bedeutet: sich um die Schwachen und die Außenseiter kümmern, auf die Kinder achtgeben, den Menschen helfen, ihnen zuhören und sie fragen: Was braucht ihr?
Fronleichnam, ein Ideenfest. Mich inspiriert dieser Begriff darüber nachzudenken, was jetzt gerade, in dieser Zeit, dran wäre, wenn ich an die Botschaft Jesu denke. Ich stelle mir Folgendes vor: Was wäre, wenn an Fronleichnam die ganze Stadtgesellschaft zusammenkommt und miteinander isst? Auch diejenigen, die im Tafelladen einkaufen. Und jene, die am Rand der Stadt in Flüchtlingsunterkünften leben. Was wäre, wenn es etwa für alle eine lange Nacht der Blumen gäbe? Wie es an vielen Orten zu Fronleichnam üblich ist, legen die einen traditionelle Blumenteppiche – die anderen, vielleicht junge Leute, treffen sich auf dem Marktplatz in der Stadtmitte. Und gestalten die ganze Nacht: farbige Blumen-Graffitis aus Kreide. Sie schreiben auf den Asphalt und erzählen von ihren Wünschen und Träumen, und was das für sie heißt, ein gutes Leben. Der Pfarrer ist auch dabei und predigt am nächsten Morgen im Fronleichnamsgottesdienst darüber. 

Ich mag dieses Fest, Fronleichnam. Weil in diesem Brot, das durch die Straße getragen wird, eine Idee steckt. Eben diese Idee vom guten Leben; in der Bibel heißt das: ein Leben in Fülle. Ich finde, Fronleichnam lädt ein, das immer wieder neu zu entdecken und zu hinterfragen. Die Prozessionen, die Blumenteppiche, die Monstranz mit der Hostie unter freiem Himmel – das sind Zeichen: Wir katholischen Christen tragen das, was uns trägt. Wir zeigen: Dieser Glaube gehört nicht nur in die Kirche. Er gehört auf die Straßen und Plätze unserer Stadt, in den Alltag, an den Tisch. Auch an unseren Mittwochabend-Tisch. Mit Pfannkuchen. Denn am Ende geht es darum, verbunden zu sein. Mit der Familie, mit den Leuten in unserer Stadt, mit Gott. Über Entfernungen und Zeiten hinweg.

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