Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Bei uns in Deutschland wird nach wie vor viel gespendet. Für einen gemeinnützigen Verein zum Beispiel, für ein soziales Projekt, für Hilfe ganz in der Nähe oder weiter weg. Und ich finde das bemerkenswert – dass so viele Menschen bereit sind, von ihrem Geld etwas abzugeben. Für ihr Geld haben sie schließlich gearbeitet und haben es sich verdient.
Auch ich arbeite für mein Einkommen. Ich investiere Zeit und Kraft, bringe meine Fähigkeiten ein – und bekomme dafür ein Gehalt. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke: Habe ich mein Geld deshalb komplett selbst verdient? Dass ich meinen Beruf überhaupt ausüben kann – das habe ich doch nicht nur mir selbst zu verdanken. Da habe ich Unterstützung und Hilfe erfahren. Ich konnte eine lange Ausbildung machen, ich habe eine passende Stelle gefunden, ich bin gesund genug, um morgens aufzustehen – das alles habe ich nicht verdient. Für mich ist das vor allem ein Geschenk.
Zu biblischen Zeiten, vor vielen hundert Jahren in Israel, da haben sich die Menschen vorgestellt: Das Land, auf dem wir leben und arbeiten, das gehört nicht uns. Das Land gehört eigentlich Gott. Und dass auf dem Land Früchte wachsen, die wir dann ernten und verkaufen können oder mit denen wir unsere Tiere füttern, das haben wir nicht komplett selbst verdient. Das ist Gottes Geschenk an uns. Wir haben nur einen kleinen Teil dazu beigetragen.
Deshalb war es damals auch selbstverständlich, etwas abzugeben von der Ernte oder vom Geld. Meistens ein Zehntel des Ertrags [vgl. z.B. 5. Mose 14,28f.].
Ein Zehntel – zehn Prozent also. Das klingt erst mal nach sehr viel. Jedenfalls dann, wenn ich davon ausgehe, dass mir alles komplett selbst gehört und ich davon was abzwacken soll. Aber mit der alten biblischen Logik sieht die Rechnung plötzlich ganz anders aus: Wenn alles, was ich bekomme, geschenkt ist, und ich gebe ein Zehntel davon weiter, dann darf ich ganze neunzig Prozent für mich behalten! Ich bleibe also überreich beschenkt. Und andere haben auch noch was davon.
Sich beschenkt wissen und davon weitergeben. Diese Haltung hat etwas, finde ich. Wenn ich auf diese Weise Geld spende, verändert das auch in mir selbst etwas.
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