Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Wann ist man eigentlich krank – und wann gesund? Bei der Arbeit frage ich mich das manchmal. Es gibt ja so Tage, da bin ich nur ganz leicht erkältet und fühle mich sonst fit. Aber – ich arbeite als Seelsorger in einer Klinik. Da bin ich vor allem mit Patienten in Kontakt. Und dann ist natürlich völlig klar: Schon mit ein bisschen Schnupfen geht das nicht. Weil das ansteckend ist und für meine Gesprächspartner böse Folgen haben kann. Lasse ich mich deshalb also krankschreiben? Nicht unbedingt. In meinem Beruf habe ich ja auch Büroarbeit zu erledigen. Würde ich die wegen eines Schnupfens meinen Kollegen aufdrücken, käme mir das falsch vor.
Krank oder gesund? So klar und eindeutig lässt sich das also gar nicht immer sagen. Das beobachte ich auch bei den Patienten: Klar, auf dem Papier sind die krank. Deshalb sind sie ja im „Kranken-Haus“, mit einem gesundheitlichen Problem. Aber ich treffe immer wieder Patienten, denen es insgesamt gut geht. Weil es gerade aufwärts geht. Oder weil sie mit ihrer Krankheit zurechtkommen. Und umgekehrt gibt es ja auch Menschen, denen fehlt aus medizinischer Sicht gar nichts, – und trotzdem sind sie unglücklich.
Bin ich krank oder gesund? Bei der Frage kommt es auch auf mein Umfeld an. Wenn ich gut unterstützt werde, kann ich auch in einer Krankheitsphase einigermaßen zurechtkommen. Wenn ich auf mich allein gestellt bleibe, ist das schwieriger.
Und dann gibt es ja auch noch solche Dinge wie eine persönliche Veranlagung zur Depression oder eine Behinderung. Ob das Krankheiten sind, darüber lässt sich streiten. Aber sie beeinträchtigen das Leben.
Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens – so sagt es die Weltgesundheitsorganisation. Das ist ein Ideal, das wahrscheinlich niemand je ganz erreicht. Deshalb glaube ich: Niemand von uns ist nur gesund, und niemand ist nur krank. Ich trage immer Anteile von beidem in mir.
Von Jesus erzählt die Bibel, dass er Menschen gesund gemacht hat. Zum Beispiel gibt er einem blinden Mann das Augenlicht wieder [vgl. Johannes 9,1-41]. Und zugleich gibt er ihm damit eine neue Stellung im Ort. Plötzlich ist er mehr als der blinde Bettler, als den ihn alle Leute immer gekannt haben. Hier „die Gesunden“, dort „die Kranken“ – diese Aufteilung funktioniert nicht mehr. Denn wir sind immer gesund und krank zugleich. Und wir brauchen uns immer gegenseitig.
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