Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

01JUN2026
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Neulich mal wieder am Bahnsteig: Ich stehe da und warte auf den Zug. Der ist fünf Minuten verspätet, teilt die Anzeigetafel mit. Fünf Minuten später – immer noch kein Zug in Sicht. Zehn Minuten Verzögerung, heißt es jetzt. Als die Minutenzahl ein drittes Mal nach oben korrigiert wird, macht sich Unruhe breit unter den Wartenden. Und auch in mir drin steigt Ärger auf.

Was mich aufregt, ist gar nicht so sehr die Verspätung. Zumindest ich komme damit in aller Regel ganz gut zurecht. Bis zum nächsten Termin ist meistens noch ein bisschen Luft, und irgendwie nutzen kann ich die Zeit auch unterwegs immer, wenn ich will.

Aber warum verrät mir niemand, was eigentlich los ist? Und vor allem, wann ich denn nun mit der Abfahrt rechnen kann? Das will ich wissen. Wenn es noch eine halbe Stunde dauert, nehme ich mein Fahrrad nicht mit in die Bahn, sondern radle die Strecke eben ganz …

Während ich weiter auf eine Info warte, denke ich an ein altes Streitthema zwischen meiner Frau und mir. Immer wieder mal komme ich später von der Arbeit nach Hause als geplant. Meistens liegt das ehrlicherweise nicht an der Bahn, sondern an mir selbst. Und oft gebe ich dann nicht richtig Bescheid zu Hause. Sondern bin einfach nicht zum vereinbarten Zeitpunkt da, stattdessen irgendwann danach. Genau dasselbe wie mit meinem verspäteten Zug also, der ohne jede Erklärung nicht kommt. Und plötzlich kann ich den Ärger meiner Frau ein Stück besser verstehen. Sie möchte halt einfach wissen, was Sache ist. Um sich darauf einstellen zu können.

Woran klemmt es eigentlich in unserer Kommunikation? Gerade in einer Beziehung wäre es doch wichtig, dass die Partner wissen, was dem anderen wichtig ist. Warum gebe ich nicht Bescheid? Oft, weil es mir unangenehm ist. Ich schäme mich, dass ich mich nicht rechtzeitig losreißen konnte von der Arbeit. Noch unbedingt irgendwas erledigen wollte. Oder meinen Zeitaufwand falsch eingeschätzt habe. Und dann sage ich lieber gar nichts, weil das für den Moment einfacher ist. Aber auf lange Sicht mache ich die Sache damit nur schlimmer. Eine kurze klare Information würde ganz viel ändern. Ob Jesus auch das gemeint hat in seiner berühmten Bergpredigt? „Sagt einfach ‚Ja‘, wenn ihr ‚Ja‘ meint, und ‚Nein‘, wenn ihr ‚Nein‘ meint“, heißt es dort [Matthäus 5,37; BasisBibel].

Unangenehm wäre mir meine Verspätung dann immer noch. Aber ich stehe wenigstens dazu. Und meine Frau muss immer noch mit der Verspätung leben. Aber sie weiß, was Sache ist. Und das ist viel wert. Am Bahnsteig – und im gemeinsamen Leben.

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