SWR4 Feiertagsgedanken
Aus dem Schneckenhaus
Liebeskummer. Da fällst du in ein dunkles Loch. Die Tage dehnen sich endlos. Die Wege von der Haustür bis zur Schule, zur Arbeit, zum Bäcker sind kaum zu bewältigen. Essen schmeckt nach gar nichts. Liebeskummer, das ist ein großes Vermissen. Ich vermisse jemanden so sehr, dass es weh tut.
Pfingsten, auch eine Geschichte vom Liebeskummer. Die Story: Die Freundinnen und Freunde Jesu kommen nach seinem Tod zusammen. Sie haben ihr Leben mit ihm geteilt. Haben ihn begleitet, ihm zugehört, mit ihm gegessen. Haben sich verliebt in diesen Menschen. Der anderen zuhören konnte. Sie gesund machte. Ihnen das Herz aufgehen ließ. Aber dann haben sie sehen müssen, wie dieser Jesus hingerichtet wurde.
Wer das selbst erlebt hat, dass ein geliebter Mensch stirbt, der weiß, wie sich das anfühlt: Wie ein endloser Liebeskummer. Genau zu wissen, dass der Mensch, den man liebt, nicht mehr da ist. Dass er tot ist. Das trifft mitten ins Herz.
In der Jesus-Geschichte gibt es zwei große Ereignisse, die den Liebeskummer verändern. Da ist Ostern. Die Freundinnen und Freunde Jesu erleben: Ihr Freund ist immer noch da. Präsent, anwesend. Ganz anders als ein Toter. Auferweckung heißt das Zauberwort. Was genau dabei passiert? Nicht so wichtig. Wichtig: Menschen fühlen sich diesem Jesus weiterhin nahe, auch über seinen Tod hinaus. Erleben, dass er bei ihnen ist.
Und dann das: Die Tage und Wochen vergehen – und damit auch die Erinnerung an Jesus. Sein Bild verblasst. Seine Botschaft. Seine Lebendigkeit. Der Liebeskummer kehrt zurück. Und genauso reagieren die Freundinnen und Freunde Jesu. Sie verkriechen sich. Machen Türen und Fenster zu. Murmeln den Namen des Geliebten vor sich hin. Kein Licht. Innen und außen dunkel.
Doch dann wird es Pfingsten. Was auch immer da passiert ist: Die Trauer wird mit Licht geflutet. Die Freundinnen und Freunde Jesu kriechen aus ihrem Schneckenhaus. Reißen Fenster und Türen auf. Erzählen von ihrem Liebeskummer. Erzählen von dem, was sie vermissen. Sie dürfen erfahren: Es tut gut, über Liebe und Trauer zu sprechen. Sie erfahren: Genau dann beginnt neues Leben. Beginnt ein Leben trotz Liebeskummer.
Zur Sprache bringen
Ich mache mir ziemlich Sorgen um die politische und gesellschaftliche Landschaft in Deutschland. Ich erlebe, dass da viel Neben- und Gegeneinander herrscht. Meinungen, die aufeinanderprallen – ganz egal, ob es um einen Buckelwal in der Ostsee, um das Klima und erneuerbare Energien, um Renten oder die ärztliche Versorgung geht. Schnell werden da Positionen festgezurrt. Es ist fast so, als würden die Menschen hierzulande ganz unterschiedliche Sprachen sprechen.
Die Geschichte vom Turmbau zu Babel, sie wiederholt sich heute. Sie erzählt, wie Menschen anfangen, einen Turm zu bauen, der bis zum Himmel reichen soll. Gemeinsam beginnen sie. Aber unterwegs, da werden sie sich uneinig. Wohin und wofür sollen wir bauen? Wer wird ganz oben wohnen? Wer hat die Macht?
Eine gemeinsame Idee? Verständnis füreinander? Fehlanzeige. Fast so, als würden die Menschen unterschiedliche Sprachen sprechen. So kommt das großspurige und maßlose Bauprojekt ins Stocken, wird schließlich abgebrochen.
Eine Geschichte, wie für heute gemacht. Menschen wollen sich nicht verstehen, verfolgen nur noch ihr eigenen Pläne, reden aneinander vorbei, bauen und leben nebeneinander her.
An Pfingsten wird eine Gegengeschichte dazu erzählt. Auch da hat es den Freundinnen und Freunden Jesu die Sprache verschlagen. Weil Jesus tot ist, ist ihnen ihre Hoffnung abhanden gekommen. Sie finden keine Worte, haben keine Pläne. Aber sie haben sich – und merken, wie wichtig das ist: Zusammen sein, Freude und auch Trauer teilen. Das macht sie lebendig. Es ist, als würde ihr Lebensfunke wieder entfacht. Weil sie in diesen schweren Zeiten gemeinsam unterwegs sind. Sie erfahren: Durch die Menschen ist Gott allen Menschen nahe. Auch und gerade bei denen, die verzweifeln und keinen Ausweg sehen.
Und genau das erzählen die Jüngerinnen und Jünger Jesu. Erzählen allen Menschen, was sie trägt und bewegt. Dass es gut tut, das Leben miteinander zu teilen. Dass es glücklich macht, einander zuzuhören und füreinander da zu sein. Das ist der gute Geist, der mit Pfingsten durch die Straßen und Landschaften wehen kann. Und das ist vielleicht ja auch ein Rezept für heute gegen alle Sprachlosigkeit.
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