SWR1 3vor8

25MAI2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Was ist Wahrheit? Eine berühmte Frage. Gestellt hat sie der römische Statthalter Pontius Pilatus. So jedenfalls erzählt es die Bibel. Damals machten ihm die Jerusalemer Obrigkeiten Druck. Denn nur er, der römische Beamte, durfte Jesus verurteilen. Und das sollte er in ihren Augen auch tun. Aber Pilatus zögert und windet sich. Er weiß genau, dass es ein Unrechtsurteil wäre. Und stellt deshalb gequält diese Frage: Was ist Wahrheit?

Wahrheit. Das ist so ein Wort, dass zwei Seiten hat. Wahrheit ist grundsätzlich gut, hat in der Kirche aber leider auch eine unselige Geschichte. Nicht nur wegen Pilatus. Denn im Namen einer vermeintlichen Wahrheit sind auch Leute, die anders dachten und lebten, als es die Kirche vorgab, verfolgt und massakriert worden. Im Namen dieser Wahrheit wurden Kriege geführt. In ihrem Namen ist denunziert, ausgegrenzt und gedemütigt worden. Was ist Wahrheit?

Heute, am Pfingstmontag, ist in den Bibeltexten von ihr die Rede. Vom Geist der Wahrheit nämlich, den Gott in die Welt schicken werde. Jesus ist nicht mehr da. Und weil man ihn nicht mehr um Rat fragen kann, soll sein guter Geist kommen. Für alle. Überall. Er soll den Menschen helfen, den Spuren Jesu in ihrem Leben zu folgen. Soll sie erkennen lassen, wie das ist mit Himmel und Erde.

Wahrheit ist auch nicht nur abstrakt. Zwei mal Zwei ergibt Vier, und zwar immer. Das ist wahr. Und wahr ist auch, dass jeder Wassertropfen aus Millionen Molekülen besteht, die alle gleich gebaut sind. Aus Sauerstoff- und Wasserstoffatomen nämlich. Nachweisbar im Experiment. Das ist wahr. Beim Glauben allerdings, da wird es schwieriger. Ob es Gott gibt oder einen Heiligen Geist, das kann niemand beweisen. Das kann ich nur glauben und darauf hoffen. Und ich kann danach leben. So, wie Jesus es vorgemacht hat. Ich kann so leben, dass jeder Mensch zu meinem Nächsten wird. Weil ich ihn als Mensch achte und ernst nehme, selbst dann noch, wenn er vielleicht ein schlimmer Kotzbrocken ist. Ich kann so leben, dass Ehrlichkeit und Verlässlichkeit keine Worthülsen sind. Sondern dass Menschen das wirklich spüren, wenn sie mit mir zu tun haben. Auch das ist dann wahr.

Doch auch wenn ich das alles aufrichtig will, fällt es manchmal schwer. Als Christ kann ich da immerhin auf diesen guten Geist hoffen, der uns damals versprochen worden ist. Als Maßstab und Ansporn. Den „Geist der Wahrheit“, der spürbar wird, wo geglaubt, gehofft und geliebt wird.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44488
weiterlesen...