SWR Kultur Wort zum Tag
Wer Christ ist, muss sagen, was er für richtig und was er für falsch hält. Und - so gut es geht - danach handeln. Das gilt für die Welt und ihre großen Themen: Sich für den Frieden zu engagieren, Gewalt abzulehnen; von seinem Reichtum mit den Ärmeren zu teilen; die Wahrheit zu suchen und Lügenmärchen zu entlarven. Wer sich auf Jesus beruft, muss das tun.
Es gilt aber genauso für die kleine Welt, die mir jeden Tag ganz nahekommt. Überall dort zum Beispiel, wo ich mit anderen zu tun habe. Dort wird mir immer klarer, dass sich Rücksichtlosigkeit nicht mit Nächstenliebe vereinbaren lässt. Leider fällt mir auf, dass es immer öfter rücksichtlos zugeht. Zum Beispiel in Chats oder Onlinekommentaren, also dort, wo man die oder den nicht sieht, der sich rücksichtslos verhält. Natürlich muss ich aufpassen, nicht selbst in solche Fallen zu tappen und zu denken: „Wird schon nicht so schlimm sein, sieht ja keiner.“ Ich spüre aber auch, wie es mich zunehmend ärgert, und ich etwas dagegen unternehmen will. Beliebt mache ich mich damit nicht. Wegschauen ist einfacher. Aber den Nächsten zu lieben, heißt ja nicht, ihm alles durchgehen zu lassen. Zur wahren Liebe gehört zur rechten Zeit auch ein Tritt in den Hintern: ein mahnendes Wort, der handgreifliche Widerstand.
Eine Gruppe pubertierender Jungs kommt laut grölend in den Bus. Ich sage ihnen, sie sollen leiser sein. Zweimal. Sie äffen mich nach, machen sich lustig. Das halte ich aus, auch wenn meine Ermahnung im Augenblick nichts genützt hat. Wo ein E-Roller den Gehweg blockiert, stelle ich ihn auf die Seite, wo er nicht mehr stört. Manchmal piepsen die Dinger dann; ist mir aber egal. Wo eine nicht geschnittene Hecke es unmöglich macht, dass zwei Menschen aneinander vorbeigehen können, geschweige denn ein Kinderwagen melde ich es der Stadt. Wenn ein älterer Mensch in den vollen Bus kommt und keiner Platz macht, stehe ich auf oder mache Jüngere aufmerksam, dass sie leichter stehen können.
Werde ich einfach nur älter und bei so was empfindlicher? Kann schon sein. Dass rücksichtloses Verhalten zunimmt, beobachte allerdings nicht nur ich. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Freiheit ein hohes Gut ist. Wer daraus ableitet, machen zu können, was er will, ist allerdings im Irrtum. Und die Gefahr besteht, dass Leute Freiheit mit dem Recht auf Egoismus und Rücksichtslosigkeit verwechseln. Was das Gegenteil von Nächstenliebe ist. Und darüber kann ich nicht hinwegsehen. Als Christ, als Mensch.
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