SWR Kultur Wort zum Tag
Es gibt Menschen, die uns prägen. Weil wir eng mit ihnen zusammenleben. Oder weil sie Eigenschaften haben, die uns faszinieren. Meine Oma Antonie war so ein Mensch für mich.
Als ich auf die Welt kam, war meine Oma mit 64 Jahren schon eine alte Frau. Sie stammte aus einem kleinen Dorf, wo sie mit sechs Geschwistern und ohne Vater aufgewachsen ist. Mit 14 kam sie in Stellung, als Hausmädchen zu einer fremden Familie, um sich allein zu versorgen. Im Zweiten Weltkrieg kam ihr Mann nicht mehr aus Russland heim und sie musste die beiden Kinder alleine durchbringen als Putzfrau und Köchin. Was für einen eisernen Willen sie gehabt haben muss. Weil sie bei uns gewohnt hat, habe ich sie jeden Tag erlebt. Von klein an. Und da gab es so manches, das ungewöhnlich war. Sie hat ihren Rotwein am Abend aus einem Joghurtbecher getrunken. Werktags war sie ganz einfach gekleidet. Immer mit Rock; eine Hose habe ich an ihr nie gesehen. Am Sonntag trug sie ein schönes, schlichtes Kleid. Nie hat sie ein Gewese um sich gemacht, sich in den Vordergrund gerückt. Zu festen Zeiten am Tag hat sie gebetet, ohne darum ein Aufheben zu machen. Den Rosenkranz oder aus einem kleinen Heftchen, dessen Blätter vom vielen Benützen so dünn waren, dass man durchsehen konnte. Ich durfte sie dabei jederzeit stören, mich zu ihr setzen und sie etwas fragen. In ihrem Zimmer hing ein großes Kruzifix aus Holz und über dem Bett ein Nazarener-Bild vom guten Hirten. Beides hat mir als Kind ziemlich Angst eingeflößt. Bis ich nach und nach verstanden habe, dass es zwischen diesen religiösen Bildern und der Güte meiner Oma einen Zusammenhang gibt. Sie war so, wie sie war, auch wegen ihres festen Glaubens, dass Gott sie liebt. Und diese Liebe hat sie an mich weitergegeben.
Zwei Dinge gibt es, die ich nie vergesse. Wie sie mir in der Heiligen Messe den Friedensgruß zugesprochen hat. Mit einem so intensiven Ton, als ob dieser Wunsch aus dem tiefsten Inneren ihrer Seele käme. Kein Wunder bei einer Frau, die zwei Weltkriege erlebt hat. Und noch etwas bleibt mir. Wie sie mich – hochbetagt – immer wieder gebeten hat, sie einmal nicht zu vergessen, wenn sie beim Heiland sei. Ja, das habe ich nicht.
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