Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Wer bist du, wenn du nichts leistest? Diese Frage habe ich auf dem Weg zur Arbeit in einem Podcast gehört und sie hat mich getroffen. Ich habe den Eindruck: wir definieren uns oft über das, was wir leisten. Also: Wie viel wir arbeiten, was wir alles unter einen Hut und geschafft bekommen. Sei es bei der Arbeit oder zuhause. Es gibt immer etwas zu tun, meine To-Do Liste ist niemals fertig. Die Wäscheberge, die Kindergeburtstagsplanung, die Reparatur am Balkon, die längst hätte gemacht werden sollen.
Wer bist du, wenn du nichts leistest? Diese Frage trifft bei mir einen wunden Punkt. Oft genug habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich Pause mache, weil noch so viele unerledigte Aufgaben auf mich warten. Als hätte ich mir meine Freizeit erst dann verdient, wenn alles abgearbeitet ist.
In unserer Leistungsgesellschaft stellt sich die Frage aber noch viel grundlegender für Menschen, die nicht im klassischen Sinne produktiv sein können: weil sie krank sind, sehr alt, erschöpft oder arbeitslos. Viele erleben dann plötzlich, wie sehr ihr Wert infrage gestellt wird – von anderen, aber auch von sich selbst. Ganz offen formuliert wird das in Diskussionen um Bürgergeld oder bedingungsloses Grundeinkommen, wenn es um die Frage geht, was Menschen zusteht, die keiner Erwerbsarbeit nachkommen.
Die Bibel ist da sehr klar: Noch bevor Menschen irgendetwas tun, bevor sie erfolgreich sind oder scheitern, heißt es: Wir alle sind Ebenbilder Gottes. Nicht erst der starke, erfolgreiche oder belastbare Mensch, sondern jeder von uns- von Anfang an bis zum Ende. Diese Zusage gilt bedingungslos: unser Wert ist nicht daran geknüpft, was wir leisten. Gott liebt uns um unserer selbst willen.
Ich merke allerdings: auch wenn ich diese Zusage anderen schon so oft zugesprochen habe: Mir fällt es schwer, mir das selbst zuzugestehen. Vielleicht nehme ich mir ein Vorbild an meiner Tochter. Die hat sich letztens eine ToDo-Liste geschrieben mit schönen Dingen, die sie tun will. Darauf steht sowas wie: sich erholen, Späße machen, Freundinnen treffen und Chips essen.
Ich glaube, so eine Liste zu schreiben, kann ganz hilfreich sein, um herauszufinden, wer ich bin und was mich ausmacht, wenn ich nichts leisten muss. Und sie sollte genauso ernst genommen werden, wie die mit den anderen ToDos.
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