Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Vor ein paar Tagen ist unsere Katze einfach verschwunden. Wir haben das ganze Haus nach ihr abgesucht, jeden Schrank und jede Kiste, dann den Garten und die ganze Nachbarschaft, aber sie ist einfach nicht mehr aufgetaucht. Das ist vorher noch nie passiert und wir haben uns ziemliche Sorgen gemacht. In meiner Not habe ich dann auch in die Whatsapp-Gruppe geschrieben, die es in unserem Stadtteil gibt.
Diese Gruppe ist für mich einfach Gold wert. Angefangen hat sie als Flohmarkt-Gruppe: Die einen stellen Sachen ein, die sie nicht mehr brauchen und andere können dann vorbeikommen und sie für ein paar Euro oder im Tausch gegen was anderes abholen. Ich finde darüber immer wieder Sachen die wir brauchen können, vom Fahrrad bis zur Winterjacke für die Kinder. Das ist nicht nur günstiger, sondern auch viel nachhaltiger, als alles neu zu kaufen und das finde ich richtig gut.
In dieser Gruppe wird inzwischen aber viel mehr als nur abgelegte Kleidung geteilt. Zum Beispiel Tipps für gute Handwerker oder Veranstaltungen am Wochenende. Oder der Hilferuf nach Ladenschluss, ob noch jemand eine Packung Hefe im Haus hat. Wie gut kenne ich das, wenn einem der Kinder abends im Bett noch einfällt, dass es morgen für die Schule ja ganz dringend noch einen Kuchen braucht. Meistens findet sich jemand, der sich meldet und helfen kann.
Was als Flohmarktgruppe angefangen hat, bringt unseren Stadtteil irgendwie näher zusammen, das mag ich wirklich sehr. Denn die Menschen hier teilen Wertvolleres, als ausrangiertes Spielzeug: Nämlich das Gefühl, nicht allein zu sein mit den Fragen und Problemen, die der Alltag so mit sich bringt. Weil da andere sind, die aufmerksam sind, die sich kurz Zeit nehmen, einen guten Tipp weitergeben oder Hilfe anbieten.
Ich glaube, das ist es, was wir als Gesellschaft brauchen. Die tägliche Nachrichtenflut mit all den großen Problemen kann schnell dazu führen, dass wir uns ohnmächtig fühlen oder allein mit unseren persönlichen Sorgen.
Unsere Whatsapp-Gruppe zeigt immer wieder: gemeinsam geht’s besser. Denn gesellschaftlicher Zusammenhalt beginnt ganz klein: Mit einem Stück Hefe, mit einem Tipp fürs beste Café der Stadt oder mit Nachbarn, die gemeinsam Ausschau halten nach der entlaufenen Katze.
Die stand am nächsten Tag übrigens wieder ganz von allein vor der Tür, als wäre nichts gewesen. Für mich hat sich aber einiges verändert. Ich habe gespürt, was es für einen Unterschied macht, nicht allein zu sein mit unserer Sorge, weil da Menschen sind, die mit uns die Augen offenhalten und mitfiebern. Und dafür bin ich bis heute wirklich dankbar.
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