Begegnungen

Ich hab Konfliktsituationen schon überall erlebt: Unterwegs in der Bahn, bei der Arbeit, im Klassenzimmer und natürlich auch zu Hause. Da wird was Blödes gesagt, was Blödes getan und plötzlich kippt die Stimmung und jemand wird aggressiv.
Lars Groven ist überzeugt: Konflikte kann man frühzeitig entschärfen. Er ist Experte für Gewaltprävention und Deeskalation. Damit das klappt...
„...muss ich erst mal überhaupt erkennen „Okay, warte mal, ich sehe, da ist eine Grenzverletzung. Meine innere Haltung sagt mir, das ist nicht okay, ich gehe da jetzt hin.““
Ich muss also ein Gespür dafür haben, wann jemand nicht richtig behandelt wird. Und was sagen. Keine große Sache. Aber wenn ich ehrlich bin: Ich bekomme immer wieder mal mit, dass jemand zum Beispiel in einer vollen Bahn blöd angemacht wird. Ich finde es dann auch nicht richtig, was da passiert. Aber den Mund bekomme ich trotzdem nicht auf. Zuschauer-Effekt, sagt Lars Groven:
„Man hat mit Studien herausgefunden, ab ungefähr 27 bis 28 Leute fühlt sich keiner mehr zuständig. Und jeder denkt „Na ja, ich habe ja heute schon was Gutes getan.“ [Und] eigentlich steckt in uns: Wir wollen helfen. Wir wollen was sagen.“
Groven sensibilisiert und trainiert Menschen, um solche Konfliktsituationen zu entspannen. Er bietet Methoden, Ideen, Ansätze um geschickt im Konflikt zu sein.
Ich hätte in der Bahn sagen können: „Entschuldigung, hier wird es gerade laut. Wie kann ich helfen?“ Offene Fragen sind ein gutes Mittel, um den Konflikt zu lenken und andere Perspektiven zu eröffnen. Beispiel Schulhofsituation.
„Ein Kind schubst ein anderes Kind weg und du gehst zum Verursacher und fragst „Hey, ich sehe, du hast geschubst. Stopp! Was ist los?““
Auch hier: offene Fragen stellen, im Gespräch bleiben. Das Gegenüber soll sich bewegen können. Und wenn das Kind nicht reden will?
„Kann ich ja fragen „Okay, ich merke, du willst jetzt nicht reden. Wann?““
Nicht lockerlassen. Weil in einer Gesellschaft ein gutes Miteinander wichtig ist. Und wie wichtig, das zeigen auch die Berufsgruppen und Einrichtungen, mit denen er zusammenarbeitet:
„Mit Pflegefachkräften, Ärztinnen und Ärzten, Friedhofsgärtnern, KiTa- Mitarbeitenden, stationäre, aber auch ambulante Jugendhilfe, Standesamt, Bürgerzentrum, Bürgerservice & Co., Hausmeister, Busfahrer, ...“
... Schüler, Lehrer, Eltern! In seinen Workshops arbeitet Groven viel mit Selbstbewusstsein und Körpersprache. Wie wichtig das ist, erklärt er an einem Beispiel aus der Schule:
„Wenn im Unterricht: Eine Schülerin verweigert das Handy abzugeben - Wie bleibe ich da präsent, ohne dass ich sage „Doch, du musst aber jetzt und jetzt sofort.“ Und wie schaffe ich das, mit Präsenz dazu beizutragen, dass die Schülerin eine gute Entscheidung treffen kann?
Ich bin immer ein Freund davon, erst mal mit einer guten Beziehungsstrategie zu arbeiten. Und wenn ich eben nur mit Druck arbeite, dann gefährdet das immer Beziehung, Nähe...“
Ob Pöbler in der Bahn oder Schülerin im Unterricht - Lars Groven geht es immer auch darum, den Menschen zu sehen und ihm seine Würde zuzugestehen. Auch wenn er sich daneben verhält. Bei Kindern ganz besonders:
„Was wir sagen, ist: „Liebes Kind, egal was du tust, du schaffst es nicht, dass ich dich ablehne. Ich werde dir ein Gegenüber bleiben. Mit Verhalten von dir bin ich nicht einverstanden. Das sage ich dir auch in aller Deutlichkeit. Nur du schaffst es nicht, dass wir dich ablehnen. Dafür bist du viel zu wichtig.“ Und das ist eine Haltung, die finde ich ganz wichtig.“
Da kann ich gut mitgehen. Auch wenn mich meine drei Kleinkinder manchmal ziemlich nerven und ich deshalb mal zu streng oder zu laut reagiere. Am Ende zählt der Mensch und wie ich ihn behandle.
In meinen Augen leistet Lars Groven eine ziemlich wertvolle Arbeit. Dabei hatte er nie die Absicht sich mit dem Thema Gewalt beruflich zu beschäftigen.
Bei Lars Groven spüre ich, wie er als Deeskalations- und Coolnesstrainer für seine Arbeit brennt. Umso erstaunter bin ich, als ich erfahre, wie er dazu gekommen ist. Aufgewachsen ist Lars Groven nämlich auf einem Bauernhof:
„Drei Generationen unter einem Dach. Da hieß es schon auch ein bisschen mithelfen auf dem Hof. Und da war ganz klar: Bestimmte landwirtschaftliche Geräte teilen wir mit dem Nachbarn. Man macht das und man grüßt sich.
Wenn die Kuh ein Kalb kriegt, nachts um drei ruft man den Nachbarn und dann kommt er und hilft .“
Das Elternhaus und auch die Jugendarbeit im Christlichen Verein Junger Menschen - kurz CVJM - prägen ihn. Erst ist er nur dabei, weil ihm aber die Jugendarbeit Spaß macht, wird er Jugendgruppenleiter. Trotz seines Engagements ist ein sozialer Beruf für ihn zunächst keine Perspektive. Er wird Kaufmann im Groß- und Außenhandel und merkt schnell, das ist okay, mehr aber nicht.
„Ich habe gemerkt, das will ich nicht machen auf Dauer, sondern ich brauche irgendwie das Sinnstiftende! (...) Und dann habe ich über den zweiten Bildungsweg mir nochmal die Fachoberschulreife nachgearbeitet und den Zivildienst gemacht im Kindergarten. Und da habe ich gemerkt, dass ich ja dieses Soziale tatsächlich als Beruf machen kann.“
Er studiert Religionspädagogik und parallel dazu soziale Arbeit. Dann beginnen seine Lehrjahre. Er arbeitet zunächst als Schulsozialarbeiter und später in einer Jugendarrest-Anstalt.
„Völlig unwissend bin ich da rein. Ich hatte die Idee „Wow, jetzt arbeite ich mit Straftätern. Die Straftäter werden bestimmt das tun, was ich sage.“ Das war so meine Idee und ich habe dann so gemerkt: Ich habe keine Ahnung. Nett, dass ich studiert hab, aber ich bin total blank.“
Er bildet sich zum Anti-Aggressivitäts- und Coolnesstrainer fort. Dann Job-Wechsel, wieder schwierige Situationen, wieder eine Weiterbildung. So kommt eins zum anderen und er macht sich selbstständig als Deeskalations- und Gewaltpräventions -Experte. Stress, Gewalt, Konflikte - Das muss man schon auch wollen, oder?
„Das Thema Gewalt passt eigentlich nicht zu dem Lebensentwurf, den ich sonst so habe. Aber das ist da.“
Er erinnert sich an Scheunen- und Straßenfeste, an seine Zeit beim Fußball und in Jugendclubs, wo es Stress gab. Aber auch:
„Ich habe immer gemerkt, dass ich überhaupt keinen Bock habe auf Gewalt und dass ich glaube, ein ganz gutes Händchen hatte, Situationen wieder runter zu kochen.“
Im Gespräch merke ich immer wieder, wie sehr Lars Groven ein gutes Miteinander am Herzen liegt.
„Es ist wichtig, wie du lebst und wie du Mensch bist.“
Damit das gewaltfrei gelingt, dafür setzt er sich ein, das ist seine Mission. Für ihn ist ein Workshop dann erfolgreich, wenn die Leute am Ende Bock auf Konflikte haben. Oder wenn er von Lehrern Sätze wie diese hört:
„Boah, ich habe jetzt echt ein paar Ideen. Ich freue mich auf Schüler XY, der mich sonst immer zur Weißglut treibt, weil ich einfach ein paar neue Ideen habe. Ja, kann losgehen!“
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