Begegnungen

Felix Weise trifft Max Magiera, mitten auf einer Baustelle
Er arbeitet beim Stuttgarter katholischen Jugendreferat und begleitet den Umbau der St. Nikolauskirche in Stuttgart – maßgeschneidert für die Bedürfnisse von jungen Menschen. Ein Projekt mit einiger Tragweite: Über 4 Millionen Euro werden bis zum Ende der Bauzeit in diesem Jahr investiert. So ein Investment muss gut überlegt und begleitet werden. Max Magiera erzählt, dass die ersten Überlegungen schon vor vielen Jahren begonnen haben:
2018 sind wir erst mal in einen Beteiligungsprozess gegangen und haben uns eben in verschiedenen Workshops an verschiedenen Stationen damit auseinandergesetzt, wie denn verschiedene Menschen sich die Kirche vorstellen und was dann auch verschiedene Akteure von dieser Kirche brauchen.
Klar – eine Kirche soll Raum bieten, um Gottesdienst zu feiern. Aber was genau sollte sich verändern, damit St. Nikolauskirche zur katholischen Jugendkirche wird? Max Magiera und das Team haben angefangen, mit dem Raum zu experimentieren und ihn ganz neu zu entdecken. Erst einmal, indem sie Kirchenbänke ausgebaut haben.
Dann gab es eine Übergangszeit,[…] man hat alle Bänke rausgenommennd man konnte den ganzen Raum, eben die ganzen 13 m bis nach oben mit einem Vorhang dann abtrennen und hatte so ein ganz anderes Raumgefühl und war mal ein bisschen weg von dem, was man sich dann so in der Kirche vorstellt.
Als wir jetzt in der Kirche stehen, ist von dem Vorhang und den ersten Experimenten nicht mehr viel zu sehen. Die Wände strahlen schon in einem warmen weiß und in den Rundbögen sind Querstangen eingelassen, an denen vielleicht irgendwann wieder Vorhänge hängen werden. Im Kirchenraum gibt es einen Altar und auch eine Figur der Heiligen Maria – an einem festen Platz, wie es sich für einen katholischen Kirchenraum gehört.
Man kann den Kirchenraum komplett umstellen. Also alles, was auf dem Boden steht, ist ziemlich flexibel, bis auf den Altar und die Marienanbetung, die sind nicht flexibel, aber ansonsten kann man den Raum wirklich dann komplett umgestalten. Man kann die Kirchenbänke zu zweit einfach an einen anderen Ort tragen und das ist natürlich ein ganz anderes Raumgefühl. Und das geht sogar so weit, dass man das Kreuz, was eigentlich vorne im Altarraum steht, sogar aus dieser Position nehmen kann und dann noch an verschiedenen anderen Stellen im Kirchenraum aufstellen kann.
Und dann sind da noch die die Querstangen in den Rundbögen, die ich vorhin schon genannt habe:
Dort kann man dann z.B. Vorhänge einhängen, man kann Workshopwände einhängen, man kann mal geschwind eine Projektionsfläche aufstellen und wirklich ganz, ganz individuell hier auch Räume und Nischen schaffen, wo man dann wiederum Dinge veranstalten kann.
Also nicht nur Gottesdienste, sondern auch Workshops, Konzerte und Kulturveranstaltungen. Und: Die neu gestaltete Kirche soll auch zum Entdecken einladen:
Es gibt so kleine Spielereien, […] zum Beispiel an einer Tafel, so ein Steckspiel, da kann man quasi verschiedene Wörter dann hinterlassen. Es gibt einen eine Nische, dass ein Taize Gong mit drinne. Also so ein bisschen dieses Entdeckerische, Spielerische kommt dann hier sehr schnell in dem Kirchenraum auf.
Hier entsteht eine Jugendkirche mit einem radikal flexiblen Konzept: ein Ort für Gemeinschaft in den unterschiedlichsten Formen. Max Magiera erzählt, was an der Atmosphäre auch als junger Mensch schätzt.
Ich genieße die Stille und die Ruhe und kann vielleicht eine Kerze anzünden, weil ich gerade an jemand denkt, dem es nicht so gut geht. Das sind doch so Momente, wo man dann gerne in die Kirche kommt. Und gerade bei jungen Menschen ist es auch so, dass sie natürlich viel unterwegs sind, viel in der Schule, im Studium sind. Da hilft es dann auch, wenn sie einen Ort haben, wo sie einfach mal ein bisschen sich zentrieren können.
Dieses Gefühl erlebt er nicht in jeder Kirche. Es hat etwas mit der Architektur, aber eben auch mit der Konzeption des Kirchraums zu tun:
Ich erlebe es häufig eher im Gegenteil, dass man Kirchen hat, die unordentlich sind, die so bisschen kruschtelig sind, wo dann noch irgendwie ja der Schriftenstand überquillt und dann noch die Flohmarktkiste nebendran steht. Und ich finde es in der heutigen Zeit, wo wir doch viel auch irgendwie im digitalen Raum unterwegs sind, braucht es eher Orte, die ein bisschen schlichter sind, eine klarere Linie vorgeben und wo man mal wirklich zu sich selbst findet.
Kirche als Ruhepol in der Dauerinformationsflut unseres Medienzeitalters. Holy Detox sozusagen. Und ich kann mir das in dieser Kirche vorstellen, auch wenn ich sie noch als Baustelle sehe. Ganz neu erfunden wird hier das Rad nicht – aber mein Eindruck ist auch, dass das gar nicht der Anspruch ist. Vielleicht liegt das Innovative auch nicht so sehr in der Architektur, sondern im Zweck, den das Kirchengebäude erfüllen soll. Sie ist nicht nur ein sakraler Zweckbau, sondern ein ästhetischer Ort:
Hier fühlen sich erstmal alle Leute wohl, weil es eben auch eine Kirche ist, die erst mal schön ist, die strahlt, die ruhig ist. so einen Ort braucht es glaube ich schon in jeder größeren Stadt, wo einfach die Menschen auch reinkommen können und wo sie sich wohlfühlen.
Kirche als Gebäude, an dem Menschen einen Ort haben, um zur Ruhe zu kommen und sich wohlzufühlen. Kommt das dann ganz ohne Gottesdienste aus, so eine Jugendkirche? Im Gegenteil. Im Planungsteam habe man beschlossen…
…dass hier jeden Sonntag um 11:00 Uhr ganz normale Gemeindegottesdienst gefeiert wird und dann und wirklich auch jeden Sonntag um 18:30 Uhr ein junger Gottesdienst stattfindet in ganz unterschiedlichen Formaten. Also es kann eine kleine Andacht mal sein, das kann auch mal ein Taizegebet sein, das kann eine internationale Feier sein, also wirklich ganz, ganz individuell, aber sehr verlässlich.
Ein verlässlicher Ort zum Wohlfühlen – ich finde es gibt schlechtere Pläne für einen Kirchenraum. Das klingt auch in Max Magieras Wunsch für die nächsten 10 Jahre mit:
Ich hoffe einfach, dass die Kirche in zehn Jahren ein Ort ist, der Relevanz hat, den die Menschen kennen. Wo sie wissen, da bekommen sie eben etwas, das sie in ihrem Leben begleitet und unterstützt. Und dass der Raum einfach offen ist für den Stadtteil, für die ganze Stadt. Vielleicht strahlt er auch ein bisschen weiter hinaus, das hier Menschen herkommen und das einfach genießen.
Mehr Informationen zum Umbau: https://stuttgart.bdkj.info/themen/Jugendkirche

