SWR4 Abendgedanken
Kennen Sie die Geschichten über Jakob, von dem das Volk der Israeliten abstammen soll? Einmal, so erzählt es die Bibel, musste Jakob an einem Fluss übernachten. Er war auf der Flucht und abends am Fluss Jabbok, es war wohl schon dunkel, da beginnt jemand einen Kampf mit ihm. Die ganze Nacht ringt und kämpft Jakob mit dem Fremden. Und im Morgengrauen stellt sich heraus: Es war Gott, mit dem Jakob gerungen hatte. Und Gott segnet ihn (1.Mose 32,23-32).
Eine seltsame Geschichte, nicht wahr? Schwer zu deuten. Aber diese Tage habe ich eine Erzählung von Elke Heidenreich gelesen, die sie wunderbar erklärt und ins Hier und Jetzt holt. [1] Ich lese sie ihnen vor:
„Einmal war ich in Paris, allein, ich reise oft und gern allein. Ich war ratlos, ich fand, dass mein Leben in die falsche Richtung lief, und ich kriegte es nicht in den Griff. Es war heiß, ich suchte Kühlung in Saint Sulpice, der zweitgrößten Kirche von Paris, im 6. Arrondissement. (…)
Die Antwort auf all meine Zweifel, Sorgen, Fragen war gleich rechts hinter dem Eingang in der ersten Seitenkapelle. Da gibt es ein gewaltiges, etwa sieben mal fünf Meter großes Wandgemälde von Eugène Delacoix, das heißt „Der Kampf Jakobs mit dem Engel“. (…) Jakob kämpft mit dem Engel eine ganze Nacht lang und sagt: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“
Dieser Jakob von Delacroix ist ein Hüne, ein Zehnkämpfer, stark, gewaltig. Er stemmt sich gegen den Engel mit aller Kraft, und der Engel hält ihn ruhig, fast sieht es aus, als tanze er mit ihm, und wir sehen, ich sah: Er kann noch so sehr kämpfen, der Hüne Jakob, er wird den Engel nicht niederzwingen. Der Engel kämpft gar nicht. Er hält ihn nur fest, gütig, leicht. Und irgendwann wird Jakob die Kraft ausgehen, und dann kann er ruhig werden. Und vielleicht glücklich.
Als ich dieses Bild ansah, fielen alle Angst, aller kämpferische Zorn von mir ab. Nicht mehr kämpfen. Sich halten lassen.“
Sich halten lassen. Welch eine schöne Vorstellung. Wenn ich in irgendwelchen Lebenskrisen stecke, zwischen Ärger, Wut und Zorn. Dann Kraft zu sparen. Nicht aufzugeben. Aber mich auch im Kampf halten zu lassen. Vielleicht leuchtet dann etwas ganz Neues auf. Ein neuer Weg. Eine offene Tür. Ein Licht im Dunkeln. Sich halten lassen.
Jakob wird am Ende der biblischen Geschichte von Gott gesegnet. Im Kampf, in der Anstrengung des Lebens gehalten zu werden und dieses Gehalten werden auch zuzulassen. Ist das nicht eine wunderbare Umschreibung dafür, was „Segen“ bedeutet?
[1] Elke Heidenreich, Zufall, in: Dies., Alles kein Zufall – Kurze Geschichten, Fischer Taschenbuch 2017, S. 232.
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