SWR4 Abendgedanken
In der Familie der Schriftstellerin Elke Heidenreich wurde lange kein Weihnachten gefeiert. In ihrer Kurzgeschichte „Weihnachten“ [1] beschreibt sie die Situation so:
„Als ich noch ein Kind war, kroch schon ab November die Angst vor Weihnachten in mir hoch. (…) „Ich feiere doch nicht den Geburtstag von einem, an den ich nicht glaube“, sagte meine Mutter, und „Wo war er denn im Krieg, der Herr Jesus?“ Später, als ich sehr viel älter und meine Mutter schon tot war“, schreibt Elke Heidenreich weiter, „las ich eine Geschichte von Luise Rinser über einen kleinen Jungen im KZ, der als Bote zwischen den Baracken hin und her geschickt wurde, bis die Nazis ihn erwischten. Sie hängten ihn auf, und alle mussten zusehen und weinten, und ein alter Mann rief verzweifelt: „Wo ist jetzt Gott?“ Und ein anderer zeigte auf diesen gequälten Jungen und sagte: „Dort hängt er.“
Gott. Ohnmächtig am Galgen? Das erinnert mich sofort daran, dass Jesus gekreuzigt wurde. Auch er starb, ohnmächtig, im Gefühl von Gott verlassen worden zu sein. Verzweifelt und einsam. Gott ist ohnmächtig. Hilflos.
Aber warum? – Müsste Gott nicht stark sein und allmächtig? Wenn man „Gott“ sagt, stellt man sich doch Wunder vor, Kraft, Überlegenheit. So wie zum Beispiel die Götter in den alten griechischen Sagen: Eine Wundertat oder manchmal auch nur ein Gedanke und schwupp, haben sie das Leben eines Menschen zum Guten oder häufig auch mal zum Bösen gewandelt. Bei diesen alten Mythen fällt mir aber auch auf: Diese Götter denken vor allem an sich selbst, an ihr eigenes Ansehen, ihre eigene Macht, ihren Stolz. Und die von ihnen geschaffenen Menschen sind ihnen dabei meist ziemlich egal.
Der christliche Gott ist anders. Auch er wird als ganz großartig beschrieben. Als Schöpfer der Welt, allwissend, allmächtig und auch er tut Wunder. Aber dann erscheint er doch auch wieder gebrochen. Er kommt arm, im Stall zur Welt. Wird von den Hirten dort begrüßt, die selbst Ausgeschlossene waren, am Rand der Gesellschaft standen. Und er stirbt am Kreuz. Ohnmächtig. Einsam und hilflos. Die einzige Macht, über die dieser Gott verfügt, ist die Macht der Liebe. Diese Macht ist oft zerbrechlich, zögerlich und schwach: Gott am Kreuz. Der Junge am Galgen.
Unser Gott ist schwach. Aber dadurch eben auch so nah und so voller Liebe zu uns Menschen – und nicht gleichgültig und arrogant, wie es manche antike Göttersagen erzählen. Nein, der christliche Gott kennt Leid, kennt Einsamkeit, kennt Schmerz und kennt den Tod. Und kann uns darum in all dem nahe sein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44456
