SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

25MAI2026
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Ich bin mit meiner Mama auf dem Wochenmarkt. Zwischen Gemüse, Brot und Käse entdecke ich einen Blumenstand voller Pfingstrosen, Nelken und Hortensien. Während ich noch die Farben bestaune, hält meine Mama plötzlich einen kleinen Blumentopf hoch.
„Schau mal“, sagt sie, „eine Akelei. Die nehme ich für den Garten mit.“

Mir kommt die Pflanze mit ihren dünnen Stängeln und den paar Blättchen ziemlich mickrig vor, aber als ich genauer hinschaue, sehe ich, wie kunstvoll und fein die Blüten sind. Sie wirkt leicht, zart und gleichzeitig erstaunlich elegant.

Später schaue ich im Internet nach und lese: Die Akelei gilt auch als Symbol für den Heiligen Geist. Das überrascht mich. Mit dem Heiligen Geist verbinde ich bisher eher Sturm, Feuerzungen und große Kraft – so wie an Pfingsten eben. Laut und eindrucksvoll.

Vielleicht wirkt der Heilige Geist oft ganz anders. Nicht üppig und farbenfroh wie Pfingstrosen oder Hortensien, sondern leise und unaufdringlich. Wie eine Akelei eben. Vielleicht wächst er in mir wie ein Gedanke, der mich nicht mehr loslässt. Wie ein Mut, den ich plötzlich finde. Oder wie eine Entscheidung, die auf einmal klar wird, obwohl vorher alles unsicher war.

Und noch etwas fällt mir an der Akelei auf: Ihre Blüten neigen sich leicht nach unten, wie eine kleine Verbeugung. Fast demütig, bescheiden und still. Vielleicht bewirkt der Heilige Geist genau das manchmal auch in uns: Dass wir nicht immer im Mittelpunkt stehen müssen. Dass wir anderen Raum geben können. Zuhören. Rücksicht nehmen. Nicht größer von uns denken, als wir sind.

Dabei ist die Akelei alles andere als empfindlich. Sie ist widerstandsfähig und wächst an Orten, an denen man sie kaum erwartet – zwischen Steinen, am Wegesrand, im Halbschatten. Und wenn sie einmal Wurzeln geschlagen hat, kommt sie immer wieder.

So ist es auch mit dem Heiligen Geist. Er lässt manchmal gerade dort etwas wachsen, wo ich es nie vermutet hätte. Mich erinnert das an meine Cousine Moni. Sie kämpft seit Jahren mit ihrer Gesundheit. Kaum geht es mal bergauf, taucht eine neue Baustelle im Körper auf. Und trotzdem gibt sie nicht auf. Anstatt zu verzweifeln, ist da eine Kraft in ihr, mit der sie den nächsten Tag schafft. Eine Hoffnung, die sie immer wieder nach vorne schauen lässt.

Vielleicht wirkt der Heilige Geist genau so: nicht immer wie ein Sturm, der alles verändert. Manchmal eben eher wie eine Akelei – leise, zart und doch stark genug, selbst auf kargem Boden zu blühen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44436
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