Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Ich stehe vor der Haustür meiner Tochter und bewundere den Garten ihrer Nachbarin. Die Nachbarin sieht mich und kommt raus.
„Das blüht ja so schön in Ihrem Garten!“, sage ich. „Und bestimmt pflanzen Sie auch wieder Tomaten an?“
„Na klar“, sagt sie. „Ich habe schon ganz viele Pflänzchen vorgezogen; immer schön drei in einem Töpfchen.“
„Und davon lassen sie dann nur das stärkste Pflänzchen stehen“, sage ich, ganz die Fachfrau. Sie lacht:
„Ja, genau so will ich das ja eigentlich machen“, sagt sie, „aber dann bringe ich es einfach nicht übers Herz, die schwächeren Pflänzchen auszurupfen. Also setze ich sie in andere Töpfchen um; dann kriegen sie auch noch eine Chance.“
Und wie sie das mit so einer zärtlichen Handbewegung erzählt, glaube ich sofort, dass in ihren Händen jedes noch so klägliche Pflänzchen oder Tierchen gut aufgehoben ist.
Klar, rein aus gärtnerischer Sicht ergibt es Sinn, sich nur um die stärksten Pflänzchen zu kümmern. Schließlich will man ja am Ende auch eine gute Ernte haben, nach all der Mühe. Aber manchmal steht einfach das Herz im Weg. Und das Herz kennt Erbarmen.
Auf den ersten Blick sieht das vielleicht nach Schwäche aus. Wie kann man nur so sentimental werden wegen so einer winzigen Pflanze…?
Aber Erbarmen ist eine grundmenschliche Haltung. Und wenn es erst geweckt ist, dann wirft es sich schützend vor alles Schwache, Kleine oder zu kurz gekommene.
Und das kann man schon bei Kindern beobachten. Wie neulich im Tierpark. Da sehe ich, wie ein kleiner Junge Lamas füttert. Und dabei sagte er zu seiner Mutter:
„Mama, lenk mal das große Tier da ab.“
„Warum?“ fragt sie.
„Der Große frisst den anderen alles weg. Aber ich will den Kleinsten auch was zu essen geben.“
Ich freue mich, wenn ich so etwas erlebe. Denn ich glaube, solange wir uns erbarmen, bleiben wir menschlich.
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